Hausbau und Hauswirtschaft. Älteste Großtechnik. 205
Gesamttendenz der geschlossenen Hauswirtschaft auf gute Versorgung ihrer Glieder, auf
Eigenwirtschaft, welche an andere Familien, an Gemeinde und Staat nur einige wenige
Überschüsse abgeben wollte und konnte.
Neben dieser auf sich gestellten Hauswirtschaft hat sich freilich frühe in den
Mittelpunkten der asiatischen Reiche, zumal in den Küstenstädten eine gewisse Berufs
und Arbeitsteilung entwickelt. Wir kreffen specialisierte Handwerker nicht bloß als
untere Glieder der Hauswirtschaft, sondern auch als zeitweise herangezogene Hülfspersonen
derselben und Warenverkäufer; wir wissen, daß Verkehr und Handel in Phönikien und
anderwärts sich ausgebildet hatten. Wir hören von phönikischen Schiffen mit 20—50
Ruderern, mit Segeln, mit einer Fafsungskraft für 500 Menschen, mit einer Bewegungs—
kraft von 24 — 30 Meilen in 24 Stunden. Die Griechen bewunderten die strenge und
pünktliche Ordnung an Bord, die nur eine Folge hoher und vollendeter Technik sein
konnte.
Aber doch nicht in Gewerbe und Handel tritt der größte technische Fortschritt
jener vorderasiatischen Reiche zu Tage, sondern in den Gebieten, wo die Orts⸗-, die
Stammes-, die Staatsgenossen zusammenwirkten oder durch starke Gewalten zum
Zusammenwirken gezwungen wurden; hier erst feierten die mathematischen und natur—
wissenschaftlichen Fortschritte jener Tage im Verteidigungs- und Kriegswesen, im Mauer-,
Burgen-, Brücken-, Graben⸗, Gemeindehaus-, Markt-, Palast- und Tempelbau, in
Cisternen, Brunnen und Wasserleitungen, im Kanal-, Wege- und Hafenbau ihre größten
Triumphe. Hier spielte der Stein- und Gewölbebau fowie die ausgebildete Metall—
technik eine ganz andere Rolle als in der Hauswirtschaft. Was Gemeinden und engere
Verbände damals an Brunnenbau, Schutzbauten, gemeinsamem Ackerbau, Gemeindehäusern,
Schiffsbau, der in älterer Zeit überall als Bezirks- und Genossenschaftssache erscheint,
geleistet haben, können wir meist nicht mehr genau erkennen. Aber die Pyramiden und
die Nilregulierung, der Babylonische Mauerbau, die Tempelbauten aller dieser Reiche,
ihre Schatzhäuser, Arsenale und Königsbauten lassen uns heute noch eine bis auf die
Reuzeit nach der Größe der Leistung kaum übertroffene Großtechnik erkennen, die um so
bewundernswerter erscheint, je einfacher die technisch angewandten Hülfsmittel waren.
Sie verdanken nicht privatem Unternehmungsgeist und Gewinnabsichten ihren Ursprung.
Kleine priesterliche und kriegerische Aristokratien und despotische Königsgewalten haben
sie geschaffen, konnten sie nur schaffen als die auserlesenen Träger und Führer des
technischen Fortschrittes und als die uneingeschränkten Gebieter über große beherrschte
Massen von Sklaven, unterworfenen fremden Völkern und zu harter Fronarbeit gezwungenen
Volksgenossen. Kirchliche, militärische, technische Schulung durch lange Zeiträume hin—
durch, stabile Gesellschaftsordnungen für Jahrhunderte einerseits, furchtbare Knechtung
und Mißhandlung der Menschen andererseits waren die Voraussetzungen.
Wir werden so fagen können: die Grundformen der Familien- und Hauswirtschaft,
des kleinen Bauernbetriebes, auch die Anfänge des lokalen Kundenhandwerks, des Handels,
des Marktverkehrs seien im Zusammenhange dieser westasiatischen Technik ebenso ent—
standen, wie die ersten Ergebnisse einer staatlichen Großtechnik. Diese Formen hätten
sich auf Grund ähnlicher technischer Vorbedingungen und nachbarlicher Berührung in
diesen verschiedenen afiatischen Reichen ähnlich entwickelt. Aber daneben seien damals
wie später die Resultate der volkswirtschaftlichen Gestaltung doch sehr weit auseinander—
gegangen, weil Ratur- und Rassenverhältnisse, geistige und moralische Gesittung und
sociale Entwickelung die ähnlichen technischen Bausteine zu verschiedener Verwendung
brachten.
83. Die griechisch-römische, die arabische und die mittelalterlich—
abendländische Technik bis in die letzten Jahrhunderte. Die relativ hoch
entwickelte kriegerische, administrative und wirtschaftliche Technik der astatischen Völker,
einschließlich Agyptens, hat ebenso wenig wie die vorangeschrittene Verkehrs- und Handels—
lechnik der Phöniker und ihrer Tochterstaaten verhindert, daß ihre teilweise Jahrtausende,
teilweise Jahrhunderte währende Blüte zerfiel, und die Führung der Menschheit auf
andere, in ihrer Technik zunächst weit zurückgebliebene Rafsen und Völker überging.