Die bewegenden Kräfte: Wind, Wasser, Dampf, Elektricität. 213
betriebe) mit 2,7 Mill. Pferdekräften; die Gesamtzahl der Dampfpferdekräfte einschließlich
des Verkehres ist aber zwei- bis viermal so groß; man kann für 1895 auf das Groß—
britannische Reich etwa 122183, auf die Vereinigten Staaten etwas mehr, auf Deutsch—
land wohl etwas weniger (im Jahr 1860 0,8, 1876 1,4 Mill.), auf Frankreich
5—6 Mill. Pferdekräfte im ganzen rechnen; auf die gesamten Kulturstaaten 1868 etwa
11-12, 1875 22, 1895 45—655 Mill. Pferdekräfte. Die Hälfte bis zwei Drittel der⸗
selben dient dem Verkehr, hauptsächlich den Eisenbahnen; von den stehenden Maschinen
wieder über die Hälfte der Berg-, Hütten- und Salinenindustrie, wo es die größten
Massen zu ziehen, zu heben, zu bearbeiten gilt; der Rest den übrigen vorangeschrittensten
Großgewerben. Je größer die Dampfmäschinen sind, desto billiger arbeiten sie. Man
rechnete in den achtziger Jahren die einstündigen Kosten einer Pferdekraft in der Maschine
von 100 Pferdekraͤften auf 7, in der von 2 auf 44-95 Pf. Aber auch die besten
und größten haben einen enormen Wärmeverlust, können die höheren, wirksamsten
Dampfspannungen nicht aushalten; sie nützen die in der Kohle enthaltenen Wärme—
einheiten daher nur bis zu 120/0 aus, weshalb schon Redtenbacher ihr Princip über—
haupt als verfehlt betrachtete.
Und was hat die Dampfkraft doch geleistet! Ihre außerordentlichen wirtschaftlichen
Vorzüge sind folgende: sie hat gegen Wasser und Wind den Vorteil, frei von jeder
anderen örtlichen Fessel zu sein, als von der Nähe und Billigkeit des Heizmaterials;
sie läßt sich, sagt Engel, ebenso schnell erzeugen wie abstellen, ist ebenso leicht zu den
höchsten Stärken zu konzentrieren, wie im kleinsten Maße wirksam zu machen. Sie ist
in Maschinen anwendbar, die selbst mit außerordentlicher Raschheit und Ausdauer den
Ort wechseln, darin das beste Pferd unendlich übertreffend. Sie ermüdet, versagt, ver—
siegt nicht.
Der König Dampf hat die moderne Industrie und den modernen Verkehr geschaffen;
aber er droht überfrüh unsere Kohlenschätze aufzuzehren; er ist nur mit teueren, gefähr—
lichen, für die Schiffe zu großen und zu schweren Kesselanlagen wirksam zu machen.
Er hat einfeitig die Großindustrie befördert. Kein Wunder, daß man nach anderen
Kräften und Kraftmaschinen fuchte, zumal nach solchen ohne schwere und teuere Kessel—
anlagen. Petroleum, Benzin, heiße Luft, Wasserdruck aus den Wasserleitungen, Gas
bot sich dazu an. Am meisten Anwendung fand die Gasmaschine (1895 in Deutschland
in 14760 Gewerbebetrieben mit 53909 Pferdekräften); sie nutzt mit ihren aus Gas
und atmosphärischer Luft gemischten Dämpfen die Wärmeeinheiten zu 250/0 aus, ist jeden
Augenblick in Betrieb zu setzen und abzustellen, ist bis 50 Pferdekräfte viel billiger als
Dampf; ihre Verbreitung nimmt reißend auch in mittleren und größeren Betrieben zu.
Noch weit scheint sie von der neuen Dieselschen Wärmemaschine übertroffen zu werden,
welche mit dem Drucke von 40 Atmosphären arbeiten kann, in jeder Maschinengröße
gleiche Kosten macht, die Wärmenergie bis zu 400/0 ausnutzt.
Der größte Konkurrent des Dampfes aber ist die Elektricität in ihrer Verbindung
mit dem Magnetismus. Licht und Elektricität sind Atherschwingungen: die ersteren sind
elektrische Strahlen von kurzer, die letzteren von großer Wellenlänge; auf ihnen ruhen
die Lebensprozesse; sie stellen die höchste und feinste Art der Bewegung dar; die Wissen—
schaft entdeckte fie in der Hauptsache 1789 — 1840, lernte dann 1833—60 die chemisch
hergestellten schwachen galvanischen Ströme zum Telegraphieren zu verwenden; die prak—
tische Durchführung fällt aber wesentlich in die Zeit nach 1860; in Europa zählte man
1860 126 140 kmm Telegraphenlinien mit 8502 Anstalten und 8,9 Mill. Depeschen,
1887 652000 - 50 800 ⸗ 148.22
Die stärkeren sogenannten Induktionsströme, welche durch eine Antriebmaschine,
durch Bewegung von Drahtwindungen in einem starken Magnetfeld entstehen, welche erst
die elektrische Beleuchtung und Kraftverwendung in großem Stile schufen, lernte man
erst in den letzten 25 Jahren, hauptsächlich seit 1888 zu großer praktischer Anwendung
durch die Dynamomaschine zu bringen. Ihre künftige Verbreitung und Wirksamkeit
kann man heute mehr nur ahnen als genauer bestimmen. Die Dynamomaschine bedarf