Die Bedeutung der Statistik.
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erlaubt Hypothesen, bestätigt oder beseitigt sie. Aber nicht mehr. Und dann: es find
immer nur wenige äußerliche Fragen, die gestellt und präcis beantwortet werden können.
Man kann das Vieh zählen, aber kaum das Gewicht jedes Ochsen feststellen; man kann
die vor Gericht oder Polizei kommenden Verbrechen zählen, aber nicht die begangenen,
noch weniger ihre innerliche Qualifikation; man kann feststellen, zu welchem Preise an
einem Tage auf einem Markte nach dem UÜrteil eines Sachverständigen gehandelt wurde,
aber nie alle wirklich verabredeten und gezahlten Preise und alle zu solchen Preisen
geschlossenen Verträge ermitteln. Jede Zahl ohne Kenntnis ihrer Entstehungsgeschichte
ist problematisch, schon weil die Gruppenabgrenzung des Gezählten so oft zweifelhaft ist.
Die Statistik ist und bleibt ein roher Appaͤrat, in der Hand des Dilettanten ein Mittel
des Mißbrauches und des Irrtums, nur in der Hand des Kenners und Meisters, des
nüchternen, wahrheitsuchenden Gelehrten ein Schlüssel zu tieferer Erkenntnis.
Und doch, was hat sie schon geleistet! Sie hat die Bevölkerungslehre und Moral⸗
statistik erst geschaffen; fie hat dem ganzen deskriptiven Teil der Staats- und Social⸗
wissenschaften erst Präcision und wissenschaftlichen Charakter gegeben, sie hat die abstrakten
Schlüsse aus den Quantitätsverhältnissen in der Wert- und Preislehre auf ihr rechtes
Maäß zurückgeführt, zahllose Irrtümer in der Geld- und Kreditlehre, in der Frage der
Getreidepreise, der Löhne, des Konsums, der Ernteergebnisse beseitigt. Sie hat das
naturalistische Wirtschaften mit Phrasen und halbwahren Hypothesen auf dem ganzen
Wissensgebiet eingeschränkt; die Fragestellungen überall verschärft, ein gelehrtes systema⸗
tisches Verfahren an die Stelle des Raisonnierens aus dem Handgelenk gesetzt.
Die Männer, welche sich um ihre Ausbildung in den statistischen Amtern haupt⸗
fächlich verdient geinacht haben, sind: J. G. Hoffmann in Preußen, der auch durch seine
realistischen Schruͤten (Fehre vom Geld, 1838; Lehre von den Steuern, 1840; Befugnis
zum Gewerbebetrieb, 1841) zu den vorzüglichen Darstellern konkreter Wirtschaftsverhält⸗
nisse gehört; der Astronom und Natursorscher 8. A. J. Quetelet, der die belgische
Siatistik zeitweise zur ersten in Europa machte und durch sein Buch (Sur Phommoô,
2 Bde., 1885, deutsch 1848) mit seinen freilich schiefen, mechanisch⸗naturalistischen Ten⸗
denzen einen Jahrzehnte dauernden fruchtbaren wifsenschaftlichen Streit anregte; Moreau
de Jonnds, der von 1838 an die franzöfische Statistik leitete und eine Reihe wertvoller
statistisch-historischer Werke schrieb; Ernst Engel, der mit einer naturwissenschaftlich⸗techno⸗
logischen Bildung den Spuren Quetelets folgte und die fächsische und preußische Statistik
nach dem Vorbilde der belgischen mit seltener Rührigkeit und Beweglichkeit ausbildete;
Georg v. Mayr, der nach dem Vorgang Hermanns die bayrische Statistik für viele Jahre
mit zur angefehensten in Deutschland erhob und allgemeine Werke über Statistik schrieb
(Gesetzmäßigkeit im Gesellschaftsleben, 1877; Statistik und Gesellschaftslehre, 2 Bde.,
1894 97), neuerdings ein siatistisches Archiv als Zeitschrift begründete (seit 1890);
endlich Gustav Rümelin, der eine Reihe musterhafter Arbeiten über die württembergische
Statiftik und über die Theorie der Statistik (in seinen Reden und Auffätzen, 8 Bde.)
lieferte. Neuerdings hat sich hauptsächlich die italienische Statistik unter Luigi Bodio durch
umfangreiche und lüchtige Leistungen ausgezeichnet. Und in Frankreich steht jetzt
Ernest Levasseur mit seinem großen historisch-tatistischen Werke La population francaise
(3 Bde., 1889 ff.) an der Spitze.
über das Wesen der Statistik als Wissenschaft haben außer den Genannten sich
in bemerkenswerter Weise ausgesprochen: Karl Knies (Die Statistik als selbständige
Wissenschaft, 1830), G. F. Knapp (Die neueren Ansichten über Moralstatistik, J. f. N.
F. 16, 1871; über Quetelet, daselbst 18, 1873; Theorie des Bevölkerungswechsels,
1870), W. Lexis (Theorie der Massenerscheinungen in der menschlichen Gesellschaft, 1877),
Mautice Block (Traits theorique et pratique de la statistique, 1878, deutsch 1879
von v. Scheel), August Meitzen (Geschichte, Theorie und Technik der Statistik, 1886),
W. Westergaard (Grundzüge der Theorie der Statistik, 1890). Die Bevölkerungslehre
haben 1839 Wappäus, die Moralstatistik 1868 von Oettingen, die Verwaltungsstatistik
E. Mischler (1. Bd.), 1892 in ihren wesentlichen Resultaten zusammengefaßt.