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empfindlich schädigen dürfte. Es soll ja gerade dafür gesorgt werden, daß
der Bauer rasch und zuverlässig zu den begehrten Industrieartikeln, der Städter
rasch und zuverlässig zu den begehrten Agrarartikeln kommt, soweit diese
überhaupt verfügbar sind. Eine Hauptschwierigkeit bildet die Beschaffung
der Anfangsvorräte, weil ja späterhin durch die wechselseitigen Produktions
steigerungen, die der organisierte Tauschhandel zur Folge hätte, sowie durch
die Vorräte, welche für die ersten eingetauscht werden, eine entsprechende
Quelle für weitere Tauschgeschäfte gegeben erscheint. Was die Form der
.Anweisung anlangt, so bedeutet wohl die Ausgabe einer Art von Lebensmittel
karten mit wahlweiser Verwendung, wie sie gelegentlich vorgekommen ist,
gegenüber dem jetzigen Zustand die geringste Änderung, was psychologisch
zweifellos von Bedeutung ist. Die reinen Naturalanweisungen ohne dazwischen
tretende Geldzahlung haben den Vorteil, daß manche unkontrollierte Geld
bewegungen ausgeschaltet werden. Die Naturalanweisungen, welche als Prä
mien ausgegeben würden, besäßen wohl eine geringe Zirkulationsfähigkeit,
insbesondere dann, wenn sie auf Namen, wie die gegenwärtigen Bezugs
scheine, lauten.
Die valuta politischen Wirkungen decken sich im ungünstigsten
Falle mit jenen, welche Rationierungen und Einschränkungen der Kaufbreite,
sowie Ausfuhrverbote auch jetzt ausüben. Soweit die Beamten einen Teil
ihres Gehaltes in den Lebensmittelabgabestellen ihrer Ämter gegen Lebens
mittel verrechnen, wird die Menge des zirkulierenden Geldes verringert. Daß
man die unmittelbar gelieferten Artikel für Geld nicht erhält, ändert die Kauf
kraft des übrigen Geldes nicht anders, als heute die Kaufbreitenbeschränkung,
welche darin besteht, daß man für Geld nur eine beschränkte Menge Brot,
nicht aber weiteres Brot erhalten kann. Der Einfluß auf das Inlandsgeld ist
auch weniger wichtig. Die Geldbeziehungen zum Ausland hängen aber wesent
lich davon ab, wie weit der Ausländer für die österreichisch-ungarischen Noten
Waren erhalten kann. Dies wieder hängt wesentlich von der Exportfähigkeit
Österreichs ab. Sollte der organisierte Naturalaustausch die Produktion er
höhen, dann würde die für den Export zur Verfügung stehende Warenmenge
steigen und damit die österreichisch-ungarische Valuta im Auslande sich heben.
Eine daneben auftretende psychologische Wirkung auf die Valuta ist nicht
anzunehmen, zumal ja nichts im Wege steht, trotz des organisierten Natural
tausches den Bauern allmählich Gelegenheit zu geben, das von ihnen thesau-
rierte Notengeld gegen Waren einzutauschen. Es handelt sich ja um Ver
änderungen auf der Warenseite, für welche die Empfindlichkeit nicht groß
ist, während bekanntlich die Empfindlichkeit für Veränderungen auf der Geld
seite sehr erheblich ist. Eine Bestimmung, welche die Geldqualität der Noten
änderte, würde wohl sehr starkes Aufsehen erregen. Der ungeregelte Tausch
handel wirkt auf die Valuta dagegen jedenfalls ungünstig ein, vor allem,
weil er das Vertrauen in die Staatsorganisation überhaupt erschüttert und
den Staatskredit empfindlich schädigt. Es ist auch klar, daß in Geld aus
bezahlte Frühdruschprämien, selbst wenn sie ihren Zweck zunächst erfüllen,
aut die Dauer nicht wirksam bleiben, weil der Bauer die teilweise Unver
wendbarkeit des erhaltenen Geldes feststellt. Auch führt die Ausgestaltung
der Geldprämien leicht zur Assignatenwirtschaft.
Es ist dringend an der Zeit, das hier aufgerollte Problem endlich grund
sätzlich in größerem Kreise zu erörtern. Die bisherigen Fälle durchgeführter
Tauschhandelsorganisation geben zwar gewisse Anhaltspunkte, sind aber zur
Beurteilung nicht ausreichend, weil ein ganzes System in seiner Wirksamkeit
sich oft wesentlich von einer Einzelmaßnahme im Rahmen eines ganz anders
gearteten Systems unterscheidet. Wie so oft auf dem Gebiete gesellschaft
licher Erscheinungen, muß ein Entschluß auf Grund von Überlegungen
gefaßt werden. Es handelt sich um das Versorgungssystem des nächsten
Jahres. Allzu leicht kommt der Zeitpunkt, wo es heißt : zu spät. Nur wer
den Mut hat, auch große Dinge in Angriff zu nehmen, vermag den Schwierig
keiten unserer Tage erfolgreich zu trotzen. Es muß endlich klargestellt
werden, ob eine Tauschhandelsorganisation durchführbar und wirksam ist oder
nicht. Das beharrliche Schweigen der Theoretiker und Praktiker diesem schwie-