Full text: Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

16 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode. 
wissen es nicht anders, als daß sie unter dieser zumal in alten Zeiten barbarisch strafenden 
Gewalt stehen, und auch heute ist die Strafgewalt die ultima ratio, welche das Gute 
und damit die Gesellschaft aufrecht erhält. 
Der äußere Zwang zu sittlichem Verhalten, der mit der Rute des Vaters und 
Lehrers beginnt und durch alle Zwangsveranstaltungen der Gesellschaft und des Staates 
hindurch mit der Zwangspflicht endigt, eventuell sein Leben fürs Vaterland zu lassen, 
bringt zunächst ein äußerlich legales Verhalten in der Mehrzahl der Fälle zuwege, 
keine innere Sittlichkeit, aber er beseitigt die direkten Störungen der sittlichen Ordnung, 
er gewöhnt die Menge daran, das Unsittliche zu meiden, er erzieht durch Gewöhnung 
und Vorbild, er bringt einen äußeren Schein der Anständigkeit und Tugend hervor, der 
nicht ohne Rückwirkung auf das Innere bleiben kann, in Verbindung mit der Furcht 
vor gesellschaftlichem Tadel auch innerlich die Gefühle veredelt. 
Noch mehr aber vollzieht sich die innere sittliche Umbildung durch die religiösen 
Vorstellungen, so grob sinnlich sie anfangs sind, so sehr sie lange sich äußerer staatlicher 
Zwangsmittel bedienen. Das letzte Ziel des religiösen Kontrollapparates ist doch, die 
Menschen in ihrer innersten Gesinnung zu ändern. Die Religionssysteme waren das 
wichtigste Mittel, das sinnlich-individuelle Triebleben zu bändigen. Die religiösen Vor— 
stellungen ergriffen das menschliche Gemüt mit noch ganz anderer Gewalt gls die beiden 
anderen Zuchtmittel. Die zitternde Furcht des naiven Urmenschen vor dem Übersinnlichen 
ist einer der stärksten, wenn nicht der stärkste Hebel zur Befestigung der sittlichen Kräfte 
und der gesellschaftlichen Einrichtungen gewesen. 
Die ältesten religiösen Gefühle und Satzungen entsprangen den Vorstellungen über 
die Seele, ihre Wanderungen im Traume, ihr Fortleben nach dem Tode; die Seele des 
Toten könne, so glaubte man, ihren Sitz im Stein, im Baum, im Tiere wie im Leichnam 
selbst nehmen; der Totenkultus, die Sitte des Begrabens, das Opfern für die Toten 
entsprang aus diesen Vorstellungen; die toten Könige und Häuptlinge erschienen, wie 
die ganze mit Geistern erfüllte Natur, als Mächte der Finsternis oder des Lichtes, denen 
man dienen, opfern, sich willenlos unterordnen müsse, deren Willen die Zauberer und 
Priestr erkundeten und mitteilten. So entstanden priesterliche, angeblich von den Geistern 
und Göttern diktierte Regeln, meist ursprünglich Regeln der gesellschaftlichen Zucht, der 
Unterordnung des Individuums unter allgemeine Zwecke, welche Millionen und Milliarden 
von Menschen veranlaßten, dem irdischen Genusse zu entsagen, die unmittelbaren, nächst— 
liegenden individuellen Vorteile den Göttern oder einer fernen Zukunft zu opfern. Nicht 
aus Überlegung des eigenen oder gesellschaftlichen Nutzens handelten sie so, sondern weil 
ein überwältigendes Gefühl der Demut und der Furcht vor der Hölle und ihren Strafen 
sie nötigte, die Gebote der Götter höher zu achten als sinnliche Lust oder eigenen Willen, 
weil sie sich selbst für besser hielten, wenn sie so handelten, wie es die Vorschriften der 
Religion forderten. 
Die religiöse Stimmung ist ursprünglich bei den rohesten Menschen nichts als ein 
unaussprechliches Bangen vor körperlichem Leid, ein Gefühl der eigenen Schwäche, eine 
Furcht vor den unverstandenen Gewalten, die den Menschen allmächtig umgeben. Die 
Phantasie sucht nach Kräften, nach Ursachen, die das Geschehene erklären, die man als 
handelnde, strafende, zürnende Wesen sich denkt, die als Kräfte vorgestellt werden, welche 
in das menschliche Leben eingreifen können, nach deren Wunsch man das häusliche wie 
das öffentliche Leben einrichten müsse, deren Zorn man abwenden müsse durch Gebet, 
durch Folgsamkeit gegen ihre Diener und Willensüberbringer, durch schlechthinige Er— 
gebung in ihre Befsehle. Unendlich lange hat es gedauert, bis die uünklaren und rohen 
Vorstellungen über böse Geister und ihr vielfach tückisches Verhalten gegen die Menschen 
sich abklärte zu einem edleren religiösen Glauben, der in den Göttern Vorbilder und 
Träger einer idealen, über der sinnlichen erhabenen Weltordnung sah. Diese setzte an 
die Stelle der Vorstellungen vom Zorn und der Leidenschaft der Götter den Glauben 
an eine alles Gute belohnende, alles Böse strafende göttliche Gewalt. Die Vergeltung, 
die den menschlichen Einrichtungen in der Gegenwart immer nur unvollkommen gelingen 
konnte, wurde den Göttern zugetraut; man rechnete bald auf eine Vergeltung auf Erden
	        
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