Full text: Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

78 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage, Litteratur und Methode. 
kunst, die in der Urproduktion wurzelt, der neuen Gelderwerbskunst, die mit dem Handel 
entsteht, gegenüber; er untersucht, welche psychologischen und sittlichen Folgen die ver— 
schiedenen Erwerbsarten und Beschäftigungen haben. Allen Erwerb, der ohne Schranken 
gewinnen will, der über das Bedürfnis hinaus und mit dem Schaden anderer gemacht wird, 
oerurteilt er als verderblich. Das Geld betrachtet er als ein notwendiges Tauschmittel 
und Wertäquivalent, aber es soll keine Zinsen tragen, denn Geld gebiert kein Geld. Auf 
Grund seiner Einsicht in die sittliche und politische Entartung der griechischen Demo— 
tratien und Handelsstädte verlangt Aristoteles, daß die höher gebildeten und besitzenden 
Klassen im Staate herrschen, die arme, taglöhnernde Volksklasse ohne politische Rechte 
sei. Doch scheint ihm die Gesellschaft die beste, wo der Mittelstand überwiegt. In 
Bezug auf die socialen Pflichten des Staates betont er vor allem seine Sorge für Er— 
ziehung; denn alle Tugend ist ihm Folge der Gewöhnung. Er giebt auch zu, daß 
manches im Staate gemeinsam sein soll; im übrigen aber verlangt er getrenntes Eigentum. 
Als Mittel, den bleibenden Wohlstand der unteren Klassen zu heben, verlangt er Koloni— 
jation und Landzuweisungen. An der von manchen bereits als widernatürlich bezeichneten 
Sklaverei will er nicht gerüttelt haben; die großen Unterschiede der Rasse, der Fähig— 
keiten erkennend, meint er, wenigstens da sei Sklaverei gerechtfertigt, wo der Sklave so 
verschieden vom Herrn sei wie die Seele vom Leib. Die zahlreichen Projekte seiner 
Zeit, die auf Güter- und Weibergemeinschaft zielen, unterzieht er der schärfsten Kritik: 
was vielen gemeinsam ist, wird ohne Sorgfalt besorgt und führt stets zu Händeln, wie 
man bei jeder Reisegesellschaft sieht; gemeinsame Kinder werden schlecht erzogen; die 
Bande der Liebe werden bis zur Wirkungslosigkeit verwässert, wenn der Bürger tausend 
und mehr Söhne hat. Die Revolutionen, die aus den wirtschaftlichen Mißständen und 
den Fehlern der Regierenden entspringen, erörtert er eingehend; aber er glaubt nicht, 
daß hier socialistische Projekte helsen. Eine erzwungene Gleichheit des Befitzes hält er 
für weniger durchführbar, als eine staatliche Regelung der Kindererzeugung, welcher er 
richt abgeneigt ist. 
Weder die idealistischen Lehren und Ideale Platos, noch die realistischen Aristoteles' 
konnten die griechische Kultur in ihrem Werdegang aufhalten. Und in ähnlicher Weise 
haben sich einige Menschenalter später die Dinge in Rom und Italien entwickelt. Aus 
dem individualistischen Egoismus und der cynischen Genußfucht der Zeit, aus den 
Klassfenkämpfen und Bürgerkriegen, aus den Rivalitäten der Kleinstaaten gab es keinen 
anderen Ausweg als die eiserne Militärdiktatur in geordneten bureaukratischen Welt— 
reichen und den weltflüchtigen Idealismus der Philosophie und des Christentums, beides 
eng zusammengehörige, einander bedingende Erscheinungen. Das Imperium der Cäsaren 
war halb demokratischen Ursprunges und suchte durch staatssocialistische Brotspenden und 
ähnliche Maßregeln die unteren Klassen zu befriedigen; aber vor allem stellte es Ruhe, 
Frieden und Ordnung wieder her. Eine Nachblüte geistiger und wirtschaftlicher Kultur 
trat ein; Landbauschriftsteller, Juristen, Historiker und Philosophen erbrterten nun im 
Anschluß an die griechischen Autoren auch mannigfach einzelne volkswirtschaftliche Fragen. 
Aber zu einer Wissenschaft der Volkswirtschaft kam es weder in Alexandria noch in Rom, 
während eine solche des Rechtes, der Physik, der Medizin in jenen Tagen entstand. Die 
Jeistig vorherrschenden philosophischen Schulen des Epikur und der Stoa waren nicht 
darauf gerichtet, ein tieferes Studium der gesellschaftlichen Einrichtungen herbeizuführen. 
Epikurs Atomistik erklärt, wie die Sophisten, die Gesellschaft aus dem Zusammentreten 
elbstsüchtiger, sich bekämpfender Individuen, die einen Staatsvertrag aus Nützlichkeits⸗ 
rwägungen eingehen; der epikureische Weise zieht sich aus der Welt, aus der Ehe, dem 
Familienleben, dem Staate zurück; ein vernünftiges, sinnlich-geistiges Genußleben, das in 
Gemütsruhe kulminiert, das Streben nach Ruhin und Reichtum ausschließt, ist sein 
Lebensideal; ein jester monarchischer Staat, widerftandsloser Gehorsam sind die politischen 
Forderungen der passiv müden Lehre. Diesen Individualisten der genießenden stehen 
die Stoiker als die Individualisten der entsagenden Gemütsruhe gegenuͤber. Sie erheben 
sich mit ihrer tiefsinnigen pantheistischen Weltanschauung zwar turmhoch über Epikur, 
aber praktisch kommen fie doch zu ähnlichen Ergebnissen. Die Natur ist ihnen ein System
	        
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