Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

210 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes!u. der Einkommensverteilung. ,668 
weil nur durch Kapitalvermehrung der Rentenverlust für den Besitzer wieder gehoben 
werden könne. 
Die Nachfrage nach Kapital ist immer eine doppelte gewesen; sie geht von den 
einzelnen und von den Korporationen aus, die in der Not solches brauchen, und sie sind 
bereit, so viel dafür zu zahlen, als sie glauben, Zinsen später aufbringen zu können. 
Da der Naive und Ungebildete leicht sich darüber täuscht, so hat dieser Umstand früher 
die Zinshöhe sicher sehr in die Höhe getrieben. Heute kommen die Privaten, die Not— 
darlehen aufnehmen, nicht so sehr mehr in Betracht; die Gemeinden, Provinzen und 
Staaten sind die Hauptborger; teilweise für wirtschaftliche Zwecke, dann werden sie sich 
dieselben Fragen wie Geschäftsleute vorlegen, teilweise für militärische und politische, 
für Berwaltungs- und Kulturzwecke; dann hat die Regierung sowie die Volks- und Ge— 
meindevertretung sich zu überlegen, ob und wie weit die Steuerkräste reichen, ob bei 
Kapitalmangel und bei sehr hohen Zinsen der Zweck die Belastung noch rechtfertige. 
Daß die enorme Steigerung der öffentlichen Schulden im 19. Jahrhundert zu den 
periodischen Zinsfußsteigerungen wesentlich beigetragen habe, darüber kann kein Zweifel 
sein. Welch' großen Teil aller Ersparnisse ste in Anspruch nehmen, haben wir schon 
zahlenmäßig nachgewiesen (II S. 184). 
Neben der Kapitalnachfrage für den Verbrauch, für Erbabfindungen und alle 
möglichen nicht direkt wirtschaftlichen Zwecke steht die für das Geschäftsleben, für die 
Produktion, den Handel und Verkehr. Diese Nachfrage ist in erster Linie von der Über⸗ 
legung beherrscht, was mit dem Kapital verdient werden könne. Der durchschnittliche 
Uñternehmergewinn wird also für sie maßgebend jein. Die Grenznutzentheoretiker sagen, 
der Zinssuß muß sich richten nach der Produktivität (dem Gewinn) des letzten unter 
den ungünstigsten Verhältnissen angewandten, aber noch als nötig erscheinenden Kapital— 
deils. Das ist so wahr wie die Annahme, jeder Kapital Verleihende sei auf den großen 
offenen Markt angewiesen, auf dem sich nach dem Grenznutzengesetz ein Einheitspreis 
bildet; in jedem Moment seien alle Stellen und Chancen, wo größerer Gewinn zu machen 
sei, besetzt; ein neu eintretender oder ein sein Geschäft ausdehnender Unternehmer müßte 
ftets sein Kapital an der ungünstigsten Stelle verwenden. Es ist eine Annahme, zu der 
— V — 
der Beteiligten überhaupt nicht zutrifft. Und daher sagen wir lieber, soweit nicht die 
oben erwähnte Notnachfrage eingreift, wird der durchschnittliche und bekannte Gewinn 
in den Unternehmungen die Kapitalnachfrage bestimmen. Deshalb ist der Zinsfuß hoch 
in Kolonialländern, wo Bodenüberfluß, reiche Naturschätze, geringe Zahl von Unter— 
nehmungen sehr große Gewinne erlauben. Darum steigt der Zinsfuß mit dem wachsenden 
Gewinn, z. B. wenn große Fortschritte der Produktions- und Verkehrstechnik zeitweise und 
jur ganze Epochen die Gewinne erhöhen wie in Westeuropa 1845-1880. Der Zinsfuß 
muß dagegen sinken, wenn in Zeiten stillstehender Technik und mehr stabiler Volks— 
wirlschast die Unternehmungen sich nicht ausdehnen, der Gewinn sinkt; wenn alle Ge— 
legenheiten und Stellen zu guten Anlagen besetzt sind, wenn man schlechteren Boden 
bebauen, unrentablere Fabriken anlegen muß, um das Kapital zu beschäftigen. Für 
solche Zeiten können wir sagen, die ungünstigeren neuen Anlagen bestimmen durch ihren 
geringen Gewinn den Zinsfuß. In solcher Lage war England 1750—1790, war West⸗ 
zuropa bis zu einem gewissen Grade von 1875 —-1895. Sinkt der Gewinn von 6—10 
auf 4800, so muß auch der Zins bis 21/2 und 30/0 heruntergehen, soweit nicht die 
Kapitalauswaunderung und die Forderungen des Staatskredits eingreifen. Die ersten 
Eisenbahnen, welche die rentabelsten Linien wählten, gaben meist 8—ÿ15 d /0 Gewinn; 
da mußte der Zinsfuß steigen; heute geben die Eisenbahnen 254 0/0 (auch die alten 
Linien einbegriffen, deren größerer Gewinn sich freilich unterdessen in den 11/2—8 fachen 
Kavitalwert umgesetzt hat), und da muß der Zins entsprechend niedrig sein. 
Im ganzen werden wir das Ergebnis unserer Betrachtung dahin zusammenfassen 
können, daß die Gesamtlage der Volkswirtschaft den Zinfuß bestimme. Fortschreitende 
echnische Kultur, bessere Organisation der Volkswirtschaft, Hebung der wirtschaftlich— 
technischen und der moralischen Erziehung steigert die Kapitalbildung; große Kapital—
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.