847)] Notstandsarbeiten, gleichmäßige Beschäftigung, Arbeitsvermittelung.l 389
politik dies als Lehrschule begünstigte, entstauden für jedes Gewerbe die herkömmlichen
Straßen und Orte, die man besuchte; in jeder Stadt wußte der Altgeselle oder Herbergs-
vater, ob und welche Stellen frei seien; war keine frei, so schickte man den zugewanderten
Gesellen mit dem „Geschenk“ weiter. Nur in einigen armen, aber dichter bevölkerten
Gegenden entstanden regelmäßige, periodische Arbeiterabwanderungen für den Sommer,
aber auch in der festen Form eines bestimmten Herkommens, mit der sicheren Aussicht
auf Beschäftigung.
Das wurde in den heutigen Großstaaten mit ihrer Freizügigkeit, ihrem Bevölke—
rungsüberschuß, ihrer Verwischung der alten Berufsgrenzen des Handwerks, mit ihren
riesenhaften, schnell auszuführenden Bauten, mit ihrem Konjunkturenwechsel ganz anders.
Das alte Wanderwesen, die Gesindemärkte und Ähnliches verfielen. Aber Neues trat —
abgesehen von der Zeitungsannonce und von dem rasch zunehmenden privaten Vermittler—
geschäft, das sich übrigens zunächst wesentlich auf das Gesinde beschränkte — nicht sofort
an die Stelle. Mehr und mehr waren Hunderte und Tausende von Arbeitsstellen zu besetzen,
ebenso viele Leute suchten Arbeit, aber man fand sich nicht; nirgends bildete sich ein Überblick
über Angebot und Nachfrage; zumal die Geschäfte an kleinen Orten konnten fähige
Arbeiter und Werkmeister außerordentlich schwer bekommen. Alles drängte nach den
großen Städten. Der Arbeitsmarkt war ein nationaler, teilweise schon ein internatio—
naler geworden. Aber er entbehrte und entbehrt in der Hauptsache heute noch fast
jeder planmäßigen ausreichenden Organisation. Die Umschau, die Zeitungsannonce
giebt zufällige Nachricht; im ganzen finden sich schon in jeder größeren Stadt die—
jenigen, welche Arbeiter bestimmter Art begehren, und die, welche sie suchen, nicht.
Vollends der richtige Ausgleich zwischen verschiedenen Orten und Gegenden, zwischen
verschiedenen Berufen ist sehr erschwert; persönliches Sichkennenlernen, Prüfen, Ver—
ständigen ist meist ausgeschlossen. Unsicher und unbekannt stehen sich in der Regel die
Reueintretenden und die Arbeitgeber gegenüber. Enttäuschung und Mißmut ist die Folge.
Was als Warktorganisation nötig erscheint, ist persönliche Vorstellung bei einer zu—
verlässigen Stelle, welche die Leute und ihre Papiere, ihre Vergangenheit und Geschick—
lichkeit prüst und die Nachricht hiervon erft am Ort, dann im Kreis, dann in
Provinz und Staat den Unternehmern zugänglich macht, welche gerade eine solche
Krait suchen.
Geschäftsmäßige private, dann Stellenvermittelung der organisierten Arbeiter und
Arbeitgeber, ferner solche durch gemeinnützige Vereine, charitative Stellen, endlich korpo⸗
rative Arbeitsvermittelung durch Gemeinde und andere öffentliche Organe unter pari—
tätischer Mitwirkung der Beteiligten, das sind die Möglichkeiten, die heute vorliegen,
unter denen man zu wählen hat. Sehen wir, wie die Dinge heute liegen.
Die meisten Arbeiter erhalten wohl heute noch durch Umschau, dürch persönliche
Erkundigung, durch Freunde und Genofssen ihre Stellen; im übrigen wird in den meisten
Gegenden und Berusen Westeuropas die gewerbsmäßige Vermittelung noch vor—
herrschen. In Preußen zählte man 1895 3216 Vermittler; es waren wohl mehr. Eine
französische Erhebung von 1897 zahlt 1459 private, 609 andere Vermittelungsstellen auf;
erstere kamen 1897 auf 947 714, letztere auf 610 3881 Vermittelungen. In Osierreich zählte
man 1896 818 000 vermittelte Stellen, wovon 180692 auf die gewerbsmäßige Ver—
mittelung fielen. In Munchen freilich wurden 1901 164350 Stellen gesucht, 127 871
angeboten, 89 342 besetzt und davon nur 18000 durch die gewerblichen Vermittler.
Die ältere gewerbliche Vermittelung, in anständigen Händen, hatte den Vorzug,
daß die Vermittler bei mäßigem Geschäfisumfang die Bedürfnisse der Kunden und der
sich anbietenden Arbeiter und Dienstboten genau kannten oder erforschen konnten, daß
sie so individualisieren, jedem das Passende zuweisen konnten. Mit der Gewerbefreiheit,
mit der wachsenden Konkurrenz, mit dem größer werdenden Arbeitsmarkte hörte dieser
Vorteil teilweise auf; es drängten sich immer mehr unlautere, bestrafte Elemente in das
Geschäft; 1895 war ein Achtel der preußischen Stellenvermittler bestrafte Leute; mit
unehmender Arbeitslosigkeit konnte man den Stellensuchenden immer mehr abnehmen;
sie wurden förmlich bewuchert, ihnen für Vermittelung, Unterkunft und Speisung viel