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664 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. [(1122
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zeigt hier wie stets, daß er glänzend und geistreich schildern, auch alte, von anderen
vorgetragene Wahrheiten in neuer Formulierung vortragen, in neue Beleuchtung rücken
kann, daß er die letzten Probleme groß und tief anzufassen versteht. Aber er zeigt auch,
daß er die Fülle seiner Gesichte nicht recht ausreifen läßt. Wenn er alle paar Jahre
eine neue Formel der weltgeschichtlichen Entwickelung giebt, so kann er damit gewiß
immer neu anregen, aber er diskreditiert selbst seine älteren Theorien.
Breysig geht im Anschluß an Gedanken, wie sie schon Droysen, Nitzsch, dann
Eduard Meyer und andere ausgesprochen, von der Vergleichung der Geschichte der
griechischen, römischen und germanischen Völker aus; er findet bei ihnen eine im ganzen
übereinstimmende Entwickelung: Urzeit, Altertum, frühes und spätes Mittelalter, neue
und neueste Zeit dieser Völker verläuft für ihn in ziemlich analoger Abwandlung politischer
und wirtschaftlicher Institutionen; und dazu gesellt sich ihm eine entsprechende Eut—
wickelung des Glaubens, der Kunst, der Wissenschaft und der Litteratur. Und zu diesen
parallelen Epochen der Völkergeschichte, sowie zu den in derselben Epoche neben einander
vorkommenden Erscheinungen des politischen, wirtschaftlichen, kirchlichen, künstlerischen,
wissenschaftlichen Lebens sucht er nun die einheitlichen psychologischen Ursachen und findet
sie in dem geistigen Gegensatz, welcher jede Menschenseele erfüllt und sich ausdrückt in
den Formeln: ich und die Welt, ich und die anderen, ich und die Natur, ich und Gott.
Daraus läßt er die zwei neben und gegen einander wirkenden Seelenkräfte, den Persön—
lichkeits- und Gemeinschaftsdrang, den Herrschasts- und den Hingebungstrieb hervorgehen,
die in allen möglichen NUancen und Verbindungen vorkommen, wobei der eine immer
zugleich Spuren des anderen mitenthält. Aus diesen Elementen hofft er die Seele, den
Charakter, die Atmosphäre jedes Volkes und jeder Zeit erklären, alle Seiten ihres
Handelns wie ihres Schauens, ihres Willens wie ihrer Phantasie, zuletzt ihrer Gefühle ab—
leiten, die Institutionen als notwendige, in gleichmäßiger Abfolge kommende und gehende
begreifen zu können. J
Zunächst freilich ist Breysigs Augenmerk ganz überwiegend darauf gerichtet, das Über—
einstimmende in den politischen und wirtschaftlichen, kirchlichen, künstlerischen und wissen—
schaftlichen Entwickelungsreihen des Altertums und der neuen Zeit unter Zurückstellung des
Abweichenden zur Darstellung zu bringen. Er ist nicht Kollektivist wie Lamprecht, er
erhebt mit Nietzsche die großen Männer als die Leuchten und Ecksteine der Zeiten. Er
räumt wohl der Verfassungs- und Wirtschaftsgeschichte eine Art kaufalen Vorranges vor
der geistigen Geschichte ein; der handelnde Mensch bestimmt in erster Linie nach ihm die
Beschichte; aber er ist doch ein entschiedener Gegner des bkonomischen Materialismus
von Marx. Seine Geschichtsparallelen gehören zum Lehrreichsten, was neuerdings auf dem
Bebiete vergleichender Staatengeschichte geschaffen wurde, und seine Antithese von Per—
fönlichkeits- und Gemeinschaftsdrang trifft sicherlich den Centralpunkt menschlichen Seelen—
lebens. Individuum und Gemeinschaft sind in aͤhnlicher Weise auch früher oft als die
zwei Pole alles Seelen- und Gesellschaftslebens bezeichnet worden. Sie bilden aber erst
dann eine tragfähige Unterlage der Geschichtserklärung, wenn fie als Elemente einer
wissenschaftlichen Pfychologie überhaupt und einer pfychologischen Geschichte nachgewiesen
werden. Daran scheint es mir bis jetzt bei Breysig zu fehlen.
h. Zuletzt sei die Geschichtstheorie eines bedeutenden russischen Socialisten erwähnt,
des Peter Lawrow. Der Fortschritt der Menschheit besteht für ihn in der physischen,
intellektuellen und moralischen Entwickelung des Individuums, die in letzter Linie eine
piychologische ist; sie wird herbeigeführt durch kritisches Denken, durch das Bewußtsein
der Individuen in Bezug auf den Fortschritt, durch den aufopfernden Kampf der voran—
geschrittensten Individuen sur Wahrheit und Gerechtigkeit, der die höheren Formen der
Gesellschaft erzeugt, die höheren Formen der sittlichen Solidarität herbeiführt. Sein
letztes Ziel ist socialistisch: die geistigen Führer müssen sich mit den arbeitenden und
leidenden Massen verbinden, um rine dauernbe höhere Kultur zu schaffen; nur indem
die Volksmaffe sich an der höheren Civilisation beteiligt, kann diese felbft sichergeftellt
werden. Aber Lawrow giebt zu, daß die Mehrheit uerst eine glücliche Minderheit
auf die Schultern nehmen mußte, um voran zu' kömmen. Er giebt zu, daß alle älteren