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Erstes Buch, Cap. 1.
gründen zum Handeln annehmen (S. 60). Daher ist Laster
nur ein in die Praxis übersetzter Irrthum (S. 31) und die
Menschheit kann durch Literatur, Erziehung und insbesondere
Jlurch richtige politische Institutionen zur Vollkommenheit ge-
bracht werden (S. 19). Es ist leicht zu erkennen, wie die
Theorie von den Wahrnehmungen und Eindrücken durch
Locke’s Anregung entstanden ist, und dass Godwin durch
seinen Glauben an die Allmacht der Bildung, sowie die Identi-
fcirung von Laster und Irrthum als Vorgänger von Robert
Owen erscheint.
Die Erziehung der Menschheit durch Bildung und Auf-
klärung einerseits, durch weise politische Institutionen anderer-
seits hat nun ausschliesslich auf dem Princip der Gerechtig-
keit zu beruhen. Die Theorie des menschlichen Geistes ist
lediglich entwickelt um zu beweisen, dass die Gerechtigkeit
von allen Menschen erkannt werden kann und dann unfehlbar
geglaubt werden wird. Die Gerechtigkeit selbst ist aber ein
unbewiesenes Axiom, das abwechselnd in der Form der Defini-
tion und des Postulats auftritt. Der Begriff der Gerechtigkeit
wird mit dem der Nützlichkeit und mit dem der Wahrheit
identificirt. Gerechtigkeit ist die grösstmögliche Rücksicht
auf das allgemeine Wohl der menschlichen Gesellschaft (S. 88);
sie ist die einzige Lebensregel für ein vernünftiges Wesen
und fällt mit der Nützlichkeit zusammen (S. 120). Tugend
ist der Wunsch, das Wohl der Menschheit zu befördern
(S. 253 ff.), eminente Tugend setzt tiefe Kenntniss über die
Mittel, Glück zu befördern, voraus, daher fallen Tugend und
Wahrheit zusammen (8. 236) — natürlich nicht die historische,
sondern die abstrakte Wahrheit, durch deren beständiges Aus-
sprechen Alles in der Welt sich gut gestalten wird (S. 197).
Ausdrücklich bekämpft Godwin die Ansicht, dass der Mensch
von Natur aus nur egoistisch sei; er sei vielmehr ein „der
Gerechtigkeit, der Tugend und des Wohlwollens fähiges Wesen“
(S. 359), d. h. fähig, den eigenen (kleineren) Vortheil dem all-
gemeinen Interesse unterzuordnen; diese Fähigkeit müsse
nun durch Erziehung entwickelt werden, und das sei möglich,
la man nur den Menschen beweisen müsse, dass die Ausübung