Godwin.
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hinderung der Uebervölkerung bedürfe, Es ist eines jener
vielen Bücher, die durch ihre Uebertreibungen verhindert
haben, die wirklichen Schwächen der Malthus’schen Theorien
zu erkennen.
Weit übertriebener, aber interessanter und charakteri-
stischer ist, was Godwin schon 1793 über die Beyvölkerungs-
(rage sagte, Zunächst meint er, es sei noch so viel Grund
and Boden unbewohnt, dass die Angst vor Uebervölke-
rung vorläufig ganz unpraktisch sei, Für die weitere Zu-
kunft aber gelte Franklin’s Satz, dass der Geist allmächtig
werden wird über den Stoff — warum nicht auch über den
Stoff unserer eigenen Körper? d. h. Alter, Krankheit und
Tod beruhen im Grunde auf unserer Unkenntniss, auf unserer
derzeitigen Unfähigkeit, schädliche Einwirkungen auf den
Körper zu vermeiden. Dies können wir überwinden, und dann
wird die Gesellschaft aus lauter gesunden], weisen, unsterb-
lichen, erwachsenen Menschen bestehen, die einsehen, dass
der Geschlechtstrieb Unsinn ist und daher aufhören sich fort-
zupflanzen (S. 871).
Godwin selbst gesteht zu, dies sei eine Conjeetur, die zur
Aufrechterhaltung seines sonstigen Systems nicht nöthig sel,
Hierzu ist in der That nur eine bedeutende Verminderung
des „trivialen‘“ Geschlechtstriebes nöthig — in Verbindung
mit allgemeinem Aussterben egoistischer Leidenschaften. Es
bleibt jedoch immerhin däbei, dass Godwin’s System auf dem
ıtopischen Glauben an Umgestaltung der Natur des Menschen
Jurch die Wahrheit beruht.
Zum Schluss kommt Godwin nochmals auf die praktische
Frage, wie der Uebergang zu seinem System anzubahnen Seil.
Natürlich durch Lehren der Wahrheit! Indessen müssten
wir, selbst wenn der Weg durch Anarchie, Blut und Gewalt
ginge, doch immer „einen Moment des Schreckens abwägen
zegen Zeitalter von Seligkeit“ (S. 876). Also friedliche
Mittel ohne gewaltthätige Revolution — aber doch keinen
Schrecken vor Revolution. Wenn nur erst die (demokratische)
Renuhlik eingeführt ist. so würde der Wegfall ständischer