Full text: Zwei Bücher zur socialen Geschichte Englands

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Erstes Buch, Cap. 2. 
seine eigentliche Meinung wird. man immer streiten können, 
weil er sich die betreffende Frage als ihm minder wichtig gar 
nie scharf gestellt hat. Sehr häufig liegt aber bei A. Smith 
keine Vieldeutigkeit und Unschärfe, sondern nur seine Viel- 
seitigkeit vor, die auf dem Bewusstsein beruht, dass absolute 
Schärfe der Formulirung socialer und politischer Wahrheiten 
nur erreichbar ist, wenn man einen Theil der in Betracht 
kommenden Thatsachen ignorirt, 
Ein Schriftsteller aus der Schule von A, Smith hat darin 
Aehnlichkeit mit A. Smith selbst, nämlich Hermann; Hermann 
brachte die Methode der klassischen Nationalökonomie Zur 
höchsten Vollendung, und keiner, der zur Schule von A, Smith 
gehört, hat eine reichere Fülle origineller Resultate aufzu- 
weisen. Aber eben er bezeichnet in unverkennbarster Weise 
den Punkt, wo die classische Nationalökonomie auf dem Zenith 
ihrer Entwicklung angekommen, einer veränderten Anschauungs- 
weise weichen muss. Seine Lehre vom Gemeinsinn, seine 
Definition des Einkommens, seine Art, die Preise auf ver- 
schiedene Bestimmungsgründe zurückzuführen, bilden den 
Ausgangspunkt für die sogenannte ethische, die Arbeiter- 
interessen .beachtende und realistische Nationalökonomie. Und 
so kommt es, dass Brentano, der Verfechter der Organisation 
der Gewerbetreibenden, sich überall auf A. Smith und Hermann 
berufen kann, während Brentano und seine Gesinnungsgenossen 
von Gegnern als Revolutionäre gegen die unfehlbare Autorität 
von A. Smith angegriffen wurden. Wenn man bedenkt, dass 
A. Smith im Jahre 1789 eine Theorie der moralischen Gefühle 
geschrieben hat, dass seine Lehrthätigkeit sich auf verschiedene 
philosophische Disciplinen erstreckte, und dass in dem ‚Wealth 
of Nations‘ selbst eine Masse politischer, religiöser und ethischer 
Betrachtungen vorkommen, die von einer ganz selbständigen 
Durchdenkung der betreffenden Fragen zeugen — so kann 
man nicht zweifeln, dass es bei ihm bewusste Abstraction 
war, wenn er bei Erklärung wirthschaftlicher Erscheinungen 
den richtig rechnenden, frei waltenden Egoismus der Einzelnen 
zu Grunde legte, freilich eine Abstraction, die A, Smith in 
hohem Maass für berechtigt hielt, und ip der er sich ohne
	        
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