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Erstes Buch, Cap. 2.
Es liegt in diesen Widersprüchen bereits die Grund-
lage für jene socialdemokratische Theorie, welche eben’ aus
den Sätzen der classischen Nationalökonomie das Unrecht-
mässige des werbenden Besitzes ableitet. Bei Adam Smith
war der Widerspruch zwischen der Arbeitslehre und der Pro-
duetionskostenlehre, zwischen dem Lobpreisen der Arbeit und
dem Dienste des Capitals kein Sophisma, es fehlt bei ihm die
Tendenz, der Arbeit das Capital unbemerkt zu substituiren
und auf diese Weise aus dem naturrechtlichen Satze, dass
jeder nur nach Verdienst erwerben solle, die Herrschaft des
Capitals abzuleiten.
Aber es liegt hier bei A. Smith eine Schwäche und Ver-
worrenheit vor, die sich bei Späterem schwer gerächt hat,
und die sich einfach daraus ergiebt, dass es unmöglich ist,
die wirthschaftlichen Erscheinungen aus naturrechtlichen Po-
stulaten und aus der Betrachtung historischer Werdeprocesse
zugleich zu erklären. *)
Kurz, so hoch A. Smith über seiner Zeit steht, so viel
weniger einseitig er war als seine Nachfolger, seine Vielsei-
tigkeit brachte gelegentlich Widersprüche mit sich, die dann
in der Weise wirkten, dass nur die eine der widersprechenden
Ansichten von den Nachfolgern aufgenommen wurde. Er
schränkte die Tendenz, Alles den wirthschaftlichen Interessen
der Individuen dienstbar zu machen, ein, jedoch brachte er
diese Einschränkungen nicht in ein System, und selbst wenn
man die „Theorie der moralischen Gefühle‘ mit in die Betrach-
ı) Wenn Leser a. a. O. behauptet, nach A. Smith sei nur die ein-
yetauschte, nicht die Produktionsarbeit das Maass der Werthe, so dürften
lie citirten Stellen doch beweisen, dass der Gedanke, die Produktions-
arbeit sei massgebend, bei A. Smith nicht völlig fehlt. Den Werth gleich-
zusetzen der Arbeitsmenge, welche man eintauschen kann, ist überhaupt
ein Satz ohne Inhalt, etwas Selbstverständliches, und Leser selbst erklärt
ja Smith’s Tauschwerthstheorie als ungenügend. Das ist sie auch nach
meiner Ansicht, aber ich finde, dass in derselben der ungenügend ent-
wickelte Keim der Lehre von der Herstellungsarbeit als Werthmaass liegt,
— eine Lehre, die ich auch -für falsch halte, die aber jedenfalls die conse-
quente Ausführung eines naturrechtlichen Pos tulates, nichts Selbstverständ-
liches, ist.