Full text : Zwei Bücher zur socialen Geschichte Englands

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Soweit er auf dem Boden des Individualismus steht, ist die
sittliche Verantwortlichkeit des Individuums bei ihm in den
Vordergrund gestellt. Nicht eine schrankenlose Freiheit der
wirthschaftlich Starken gegenüber den wirthschaftlich Schwachen,
 nicht eine souveräne Machtfülle des einzelnen Unterthanen
 gegenüber dem Staat vertritt Malthus — er verwirft
die Staatsintervention, z. B. gesetzliche Heirathsbeschränkungen,
 weil er die sittliche Selbstzucht des Individuums für
allein wirksam hält.
Freilich gewirkt hat Malthus hauptsächlich dahin, dass
seine Bevölkerungslehre als eine Unterstützung der Ricardo’-schen
 Grundrenten- und Lohntheorie betrachtet, und die Besitzenden
 in ihrem Streben, sich von jedem Opfer, jeder That
zu Gunsten der arbeitenden Massen zu dispensiren, dadurch
gerechtfertigt wurden, Aehnlich wie bei Adam Smith ist auch
bei Malthus nur ein Theil seiner Ansichten allgemein verstanden
 und acceptirt worden. Dennoch thut man ihm ebenso
wie A, Smith Unrecht, wenn man ihn einfach als einen Mitbegründer
 des herzlosen Manchesterthums bezeichnet. Ja, es
sind bei ihm sogar ethische und politische Gesichtspuncte
von grösserer Bedeutung als bei A. Smith. Er hatte nicht,
wie Ricardo, nur Interessen und Zwecke, er hatte Ideen.
Das Hauptwerk von Malthus, „An Essay on the Principle
9f Population‘ ist zuerst 1798 erschienen — also zu derselben
Zeit, in welcher zuerst der wildeste Communismus in der
französischen Revolution sein Haupt erhob. Malthus selbst
bearbeitete das Werk in fünf stets vermehrten Auflagen, die naclf”
seinem Tode fortgesetzt wurden. Ich citire nach der 1872
in London erschienenen 7, Auflage.!)
Der Hauptgedanke, welcher das Buch eröffnet, ist folgender:
Zwischen dem physiologischen Trieb der Fortpflanzung und der

R. Malthus.

1) Die erste Auflage, die als kurze Gelegenheitsschrift erschien, war
Schroffer und rief den meisten Widerspruch hervor. Der versöhnende Gedanke
 des moral restrairt wurde erst später ausgebildet. Es ist aber offenbar
 geboten, den Autor nach derjenigen Fassung seiner Gedanken zu beur-‘heilen,
 die er ihnen aelhet als die reifste und vollkommenste gegeben hat.
            
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