Full text: Zwei Bücher zur socialen Geschichte Englands

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Erstes Buch, Cap. 3. 
Oxford ging und dann die Laufbahn des praktischen Juristen 
beschritt. Bald jedoch zog er sich angewidert zurück und wurde 
ein einsamer Philosoph. Zwar hat es ihm Anfangs nicht an 
menschlichen Beziehungen zu einem aristokratischen Hause, 
später nicht an geschäftlichen zu radicalen Agitatoren ge- 
fehlt; auch hat er grosse Reisen unternommen. Aber alle 
diese Beziehungen hatten wenig oder gar keinen Einfluss auf 
sein inneres Geistesleben. Das Interessanteste, was aus der 
Biographie und einem Auszug aus derselben in der West- 
minster Review über Bentham’s persönliches Leben zu ent- 
nehmen ist, besteht in dem Fehlschlagen seiner Hoffnung auf 
einen Sitz im Parlament, und in seiner eben so treuen als 
unglücklichen Liebe zu einer Dame, welche er bei seinen aristo- 
kratischen Freunden kennen gelernt hatte. Der grosse Wort- 
führer der Demokratie widerstand nicht dem ästhetischen Reiz, 
den das zwanglose Selbstbewusstsein vornehm erzogener Frauen 
ausübt — und mit pedantischer Treue hielt er bis in’s hohe 
Greisenalter an der romantischen Regung jüngerer Jahre fest, 
Bei beiden Ereignissen erkennen wir Bentham’s fast kindliche 
Unerfahrenheit, die Absichten anderer Menschen zu verstehen, 
sowie seine eigene Wahrheitsliebe und seinen Glauben an sich 
selbst. Wir sehen, dass der Mann, welcher als Schriftsteller 
vor Allem ein trockener Kritiker war, ein tiefes, weiches und 
vor Allem treues Gemüth besass, und dass nicht Zerstörungs- 
lust, sondern Wohlwollen gegen die Menschheit das treibende 
Motiv seines Arbeitens war. Auch diese Erlebnisse lehren 
uns den grossen Sonderling persönlich hoch achten. Zugleich 
aber sind sie von Wichtigkeit, weil sie wesentlich mit die 
Ursache von Bentham’s Einsamkeit waren. 
1748 war Bentham geboren, 1776 trat er zuerst als 
selbständiger Schriftsteller auf, 1832 starb er. In dieser 
langen Zeit wurde er um so einsamer, je mehr die Ereignisse 
in der Welt zur Ausführung seiner Ideen drängten. Mit 
Allem, was politisch sich ereignete, blieb er stets in Ver- 
bindung — nur nicht mit den Menschen, die es vollbrachten. 
Gervinus meint, dass die Bewunderung des Auslandes ‚und 
die Verkennung durch seine Landsleute wesentlich dazu bei-
	        
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