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Erstes Buch, Cap. 4.
der Reformbill aber namentlich in Folge des Armengesetzes
anfıng, vom socialen Gegensatz zwischen Besitz und Arbeit
beherrscht zu werden. —
Werfen wir nach dieser Schilderung der Stellung Cobbett’s
in ihrer letzten Ausbildung noch einen kurzen Blick auf seine
Entwicklung, die namentlich aus dem Studium der oben er-
wähnten Selections entnommen werden kann, so werden wir
finden, dass er nicht nur in den Ansichten über manche
einzelne Punete sich immer ganz gleich blieb, sondern dass auch,
trotz des Wechsels seiner Parteistellung, gewisse Grundanschau-
ungen und Gefühle bei ihm von Anfang an vorhanden waren.
Er begann seine schriftstellerische Thätigkeit 1794 in
Amerika und wendete sich zunächst gegen Priestley (vergl.
oben Seite 65). Priestley’s Ansichten und die Sympathie mit
der französischen Revolution hatten in Amerika die Veber-
macht — Cobbett setzte sich dazu in Opposition und vertrat
seinen englisch-conservativen Standpunet wenigstens mit keiner
Philosophie, die im Gegensatz zu seinen späteren Anschauungen
stünde, Er eifert. gegen Deismus und Atheismus — er ist
auch später nicht antireligiös geworden — allein er beruft
sich bei der Motivirung seiner politischen Ansichten nicht auf
das göttliche Recht, sondern — schon damals ein treuer Sohn
der Zeit Bentham’s — auf die praktische Nützlichkeit.
„Glück ist der Zweck jeder guten Regierung, also ist die
beste Regierung diejenige, welche am meisten Glück erzeugt.
Vergleichung ist das einzige Mittel, den relativen Werth der
Dinge zu bestimmen und es ist leicht zu ersehen, was besser
ist: die Tyrannei, deren sich die Franzosen früher erfreuten,
oder die Freiheit und Gleichheit, unter welcher sie jetzt laho-
viren“ (Selections Bd. I, S. 25). ;
Cobbett war anfangs conservativer Engländer aus National-
gefühl und aus Zweckmässigkeitsgründen zugleich — hierin
dem damals noch von ihm citirten Burke ähnlich; er konnte,
ohne seine Weltanschauung zu ändern, aus Gründen der
Zweckmässigkeit ein radicaler Engländer werden.
In England predigte er anfangs mit einem nicht nur
wirksamen, sondern oft geradezu schönen Pathos den National-