Full text : Zwei Bücher zur socialen Geschichte Englands

356

Erstes Buch, Cap. 5.

Die wichtigste dieser Behauptungen, die eigentliche immer
wiederkehrende Grundidee Owen’s ist die, dass der Mensch
selbst an seinem Charakter gänzlich unschuldig ist, dass er in
seinem ganzen Wesen und in Folge davon in all seinen Handlungen
 lediglich durch ausser ihm selbst liegende Verhältnisse
bestimmt werde. Der Mensch werde ohne seine Schuld im
Mutterleib mit gewissen Anlagen ausgerüstet und diese dann
durch äussere Eindrücke der Erziehung und Bildung in gewisser
 Weise entwickelt und Alles hänge davon ab, dass ihm
richtige Begriffe beigebracht werden. Sind die ihm beigebrachten
 Kenntnisse wahr und nicht irrthümlich, so wird und
muss er glücklich werden, Der Mensch ist für Owen ein
willenloses bildsames Material, das durch Einwirkung der
von Owen entdeckten Wahrheit zur absoluten Vollkommenheit
gebracht werden kann. „Jeder allgemeine Character vom
besten bis zum schlechtesten, vom unwissendsten bis zum
aufgeklärtesten kann jeder Gesammtheit, ja der ganzen Welt,
durch Anwendung geeigneter Mittel gegeben werden; welche
Mittel in grossem Maass unter der Verfügung und Controle
derjenigen stehen, welche Einfluss auf die Angelegenheiten
der Menschen haben“ (S. 266). „Ich zaudere nicht, zu sagen,
dass die Glieder jeder Gemeinschaft allmälig dazu erzogen
werden können, ohne Trägheit, Armuth, Verbrechen und Krieg
zu leben, da all dies nur Folge von Irrthum, nothwendige
Consequenz von Unwissenheit ist (285). „Der Charakter des
Menschen wird ohne eine einzige Ausnahme für ihn gebildet,
d. h. durch seine Vorgänger erzeugt — der Mensch kann aber
nie und wird nie seinen eigenen Charakter bilden“ (S. 292).
„Der Wille des Menschen hat keine Macht über seine Meinungen;
 er muss immer glauben und hat immer geglaubt,
was ihm von seinen Vorgängern und den ihn umgebenden Verhältnissen
 als Eindruck zugeführt wurde oder wird.“
Owen leugnet den freien Willen vollständig und erklärt
den einzelnen Menschen für moralisch unverantwortlich. Dass
die Leugnung der Willensfreiheit, die schon bei Priestley vorkommt,
 im Grunde zu der materialistischen Glückseligkeitslehre
 passt, wird von ihm nicht besprochen. Jede philoso-
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.