R. Owen.
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müsse, Ein irgend. nothwendiger Zusammenhang zwischen
dieser Theorie und den eigentlichen Hauptgedanken Owens,
nämlich dem Eifer für Erziehung und Cooperation, ist nicht
zu entdecken. Denn in den cooperativen Communitäten, in
entwickelt worden ist. Nachdem ich dies in meiner Schrift „Socialismus,
Socialdemokratie und Socialpolitik“ von 1878 bestritten, wies A. Wagner
auf die unbekannteren älteren Schriften von Rodbertus aus den Vierziger
Jahren im ersten Heft der Zeitschrift für die gesammte Staatswissenschaft
1878 hin. — Er widerlegte dadurch nicht meinen Nachweis, dass die Idee
jedenfalls schon in den 30er Jahren in England vorkommt. Das im Texte
über Owen’s Ansichten von 1820 Angeführte ist ein neuer Beweis, wie
lange die von Rodbertus und Marx formulirten Ideen schon vorher be-
kannt waren, wo immer die sociale Frage der Neuzeit ernstlich in Fluss ge-
kommen war. — Interessant erscheint mir besonders die Verwandtschaft von
Owen’s Ideen mit dem Rodbertus’schen Normalarbeitswerktag. — Freilich
hat Owen noch nicht die Lehre von der Arbeit als Werthmaass benutzt,
um unbedingt die Berechtigung alles Einkommens von Besitz zu leugnen,
aber es ist lediglich eine aus seinem menschenfreundlichen, ‘Allen Vortheil
Wünschenden Herzen hervorgehende Inconsequenz, dass er dies nicht thut.
Alle theoretischen Voraussetzungen dieses Postulats enthält seine Werth-
theorie bereits. Für verschiedene andere Schriftsteller, z. B. Thomas
Spence und Gray, geben wir in diesem Buch die Nachweise, dass die Idee
von der Arbeit als alleiniger Quelle und Maass der Werthe mehr oder
Minder ausgebildet vorkommt. — Kommt doch auch bei Fichte, der gänz-
lich ohne Zusammenhang mit den socialen Kämpfen der Zeit war, schon
1800 im „Geschlossenen Handelsstaat“ der Gedanke vor, dass der Umsatz
Dach Arbeitsquanten geregelt werden soll. Diese merkwürdige Schrift
unseres grossen Philosophen ist in jüngerer Zeit mehrfach neu der Be-
trachtung unterworfen worden — man kann darin allerlei Gedanken finden,
die als Vorläufer späterer socialistischer Ideen erscheinen: Das Inter-
S8sante dabei ist, dass Fichte von der Vertragstheorie ausgeht, schlies$lich
aber eine höchst weitgehende Unterdrückung der individuellen Freiheit
verlangt. Das treibende Motiv dabei ist aber nicht Sympathie mit den
ärmeren Classen oder Feindschaft gegen die bestehende Ordnung — SON-
dern die Sehnsucht nach einem grossen kräftigen Staat, die sich in einer
Vörnehmen Gelehrtennatur entwickelt, deren Gleichheitslust, auf relativer
Verachtung des materiellen Besitzes beruht. So ist Fichte trotz aller
Sinzelnen utopischen Zwangsvorschläge im Grunde kein Vorbote des Com-
Münismus oder der Socialdemokratie, sondern ein extrem unpraktischer
Vorläufer jener Richtung, die in dem Dienste der idealen Aufgaben der
Gesammtheit ein wichtiges Gegengewicht gegen materialistischen Individua-
lismus suchen.