Full text: Zwei Bücher zur socialen Geschichte Englands

R. Owen. 
367 
müsse, Ein irgend. nothwendiger Zusammenhang zwischen 
dieser Theorie und den eigentlichen Hauptgedanken Owens, 
nämlich dem Eifer für Erziehung und Cooperation, ist nicht 
zu entdecken. Denn in den cooperativen Communitäten, in 
entwickelt worden ist. Nachdem ich dies in meiner Schrift „Socialismus, 
Socialdemokratie und Socialpolitik“ von 1878 bestritten, wies A. Wagner 
auf die unbekannteren älteren Schriften von Rodbertus aus den Vierziger 
Jahren im ersten Heft der Zeitschrift für die gesammte Staatswissenschaft 
1878 hin. — Er widerlegte dadurch nicht meinen Nachweis, dass die Idee 
jedenfalls schon in den 30er Jahren in England vorkommt. Das im Texte 
über Owen’s Ansichten von 1820 Angeführte ist ein neuer Beweis, wie 
lange die von Rodbertus und Marx formulirten Ideen schon vorher be- 
kannt waren, wo immer die sociale Frage der Neuzeit ernstlich in Fluss ge- 
kommen war. — Interessant erscheint mir besonders die Verwandtschaft von 
Owen’s Ideen mit dem Rodbertus’schen Normalarbeitswerktag. — Freilich 
hat Owen noch nicht die Lehre von der Arbeit als Werthmaass benutzt, 
um unbedingt die Berechtigung alles Einkommens von Besitz zu leugnen, 
aber es ist lediglich eine aus seinem menschenfreundlichen, ‘Allen Vortheil 
Wünschenden Herzen hervorgehende Inconsequenz, dass er dies nicht thut. 
Alle theoretischen Voraussetzungen dieses Postulats enthält seine Werth- 
theorie bereits. Für verschiedene andere Schriftsteller, z. B. Thomas 
Spence und Gray, geben wir in diesem Buch die Nachweise, dass die Idee 
von der Arbeit als alleiniger Quelle und Maass der Werthe mehr oder 
Minder ausgebildet vorkommt. — Kommt doch auch bei Fichte, der gänz- 
lich ohne Zusammenhang mit den socialen Kämpfen der Zeit war, schon 
1800 im „Geschlossenen Handelsstaat“ der Gedanke vor, dass der Umsatz 
Dach Arbeitsquanten geregelt werden soll. Diese merkwürdige Schrift 
unseres grossen Philosophen ist in jüngerer Zeit mehrfach neu der Be- 
trachtung unterworfen worden — man kann darin allerlei Gedanken finden, 
die als Vorläufer späterer socialistischer Ideen erscheinen: Das Inter- 
S8sante dabei ist, dass Fichte von der Vertragstheorie ausgeht, schlies$lich 
aber eine höchst weitgehende Unterdrückung der individuellen Freiheit 
verlangt. Das treibende Motiv dabei ist aber nicht Sympathie mit den 
ärmeren Classen oder Feindschaft gegen die bestehende Ordnung — SON- 
dern die Sehnsucht nach einem grossen kräftigen Staat, die sich in einer 
Vörnehmen Gelehrtennatur entwickelt, deren Gleichheitslust, auf relativer 
Verachtung des materiellen Besitzes beruht. So ist Fichte trotz aller 
Sinzelnen utopischen Zwangsvorschläge im Grunde kein Vorbote des Com- 
Münismus oder der Socialdemokratie, sondern ein extrem unpraktischer 
Vorläufer jener Richtung, die in dem Dienste der idealen Aufgaben der 
Gesammtheit ein wichtiges Gegengewicht gegen materialistischen Individua- 
lismus suchen.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.