R. Owen.
375
Individuen für sich allein zu wirthschaften, für werthlos hält,
die Freiheit des menschlichen Willens überhaupt leugnet.
Die Lehre, dass der Mensch keinen freien Willen habe,
dass sein Charakter nicht durch ihn, sondern für ihn gebildet
werde, betrachtet den Menschen als vollständig geleitet durch
äussere, gleichsam mechanisch wirkende Einflüsse — als
Materie, die völlig passiv von bestimmten Kräften bewegt
wird. Das Postulat, dass der Mensch seine Freiheit des
Handelns aufgebe und dafür in genossenschaftlichem Leben
gleichen Antheil am materiellen Genuss erwerbe, ignorirt die
inneren idealen Güter des Menschen und sieht im Sinnen-
genuss den Zweck des Lebens allein. Es ist ganz richtig,
dass die Bethätigung der eigenen freien Kräfte im Dienste
selbst gewählter Bestrebungen nicht mehr Lebenszweck sein
kann, wenn es überhaupt keinen freien Willen giebt. Mit
der Lehre von den Verhältnissen und der Unverantwortlichkeit
des Menschen gab Owen in der That seinen materialistischen
Gleichheitspostulaten die allein mögliche Grundlage — darin
consequenter als Andere, die die Gleichheit von Besitz und
Genuss vollständiger und mit schärferen Mitteln anstrebten als
Owen und doch den freien Willen des Menschen nicht offen
und unbedingt leugneten. Wer den Individualismus in den
menschlichen Einrichtungen absolut vernichten will, muss den
Begriff der menschlichen Freiheit als Wahn bezeichnen.
Owen that dies und der Zusammenhang beider Anschauungen
tritt deutlich hervor, wenn er in den Six Lectures (S. 28)
sagt: „die kleinlichen Unterscheidungen von Ländern würden
verschwinden — — es würde nur eine Nation und ei* Volk
existiren, zusammengesetzt aus Familien von je 500—2000
Menschen und diese Familien würden in der zweiten Gene-
ration alle eine Sprache reden und nur ein Interesse haben,
nämlich den beständigen Fortschritt und das beständig
wachsende Glück des Ganzen; 810SSE Städte würden verlassen
werden“ — -— in den Familiensitzen auf dem Lande sei es
schöner und besser als in den jetzigen Städten, deren Ein-
richtungen basirt sind auf „der irrthümlichen Annahme,
dass der Mensch in seinen Gedanken, Gefühlen und Hand-