Full text: Zwei Bücher zur socialen Geschichte Englands

402 Zweites Buch, Vorbemerkung. 
von v. Gülich, Geschichtliche Darstellung des Handels, der Gewerbe 
und des Ackerbaus, Jena 1830 bis 1845, das im 1. und 3. Bande 
von England handelt. Darin sind manche werthvolle ältere eng- 
lische Schriften benutzt und brauchbare Uebersichten über die 
wirthschaftliche Thätigkeit zu verschiedenen Zeiten gegeben. Doch 
von dem inneren Umschwung der Industrie ist wenig die Rede, 
wenn auch das Aufkommen der Maschinen erwähnt wird, Das 
zigentlich sociale tritt in diesem Buche in den Hintergrund gegenüber 
der Frage nach der Ausdehnung von Production und Handel in ver- 
schiedenen Zeiten, 
Als ein nicht uninteressantes gleichzeitig mit Engels erschiene- 
nes deutsches Buch muss noch Venedey’s England, 3 Bände, Leipzig 
1845 erwähnt werden. Der erste Band, der die (politische) Ge- 
schichte Englands bis 1688 enthält, berührt uns hier weniger, Die 
zwei anderen Bände, namentlich der dritte, enthalten durchaus 
feuilletonistische Schilderungen gegenwärtiger englischer Verhältnisse. 
Eine Geschichte der socialen Entwicklung darf man nicht erwarten. 
Der Mangel gründlicher Studien bewirkt sogar, dass einzelne Schil- 
lerungen, z, B. die des englischen Socialismus, durch Lückenhaftig- 
keit und falsche Generalisirungen ein nicht richtiges Bild der 
Gegenwart geben. Dem deutschen Flüchtling, der England be- 
ybachtend durchwandert, bleibt der englische ‚,Aristokratismus von 
Unten‘ stets etwas Fremdartiges und Unsympathisches; er erkennt 
richtig, dass zwischen den unausrottbaren aristokratischen Instincten 
les englischen Volks und den neuen demokratischen Ideen ein 
unlösbarer Widerspruch besteht, kann aber nicht begreifen, dass 
in diesen Instineten ein bedeutendes Element conservativer Kraft 
liegt, das, richtig geleitet und benützt, England zu grossem Segen 
gereichen muss. "Trotz dieser und anderer Schwächen bleibt es 
interessant bei Venedey zu sehen, welchen Eindruck auf einen 
verhältnissmässig unparteiischen Beobachter die damaligen Zustände 
in Englands grossen Fabrikstädten machten. Und wenn Venedey 
an einer gewissen politischen Voreingenommenheit leidet, so muss 
man zugestehen, dass er in den eigentlich socialen Fragen, die 
ihm über aller Partei standen, sehr klar und richtig sah. Er war 
weder Communist oder Socialist im gewöhnlichen Sinn des Worts, 
noch blinder Bewunderer der industriellen Fortschritte, sondern 
er verlangte, dass die socialen Schäden durch praktische Anwen- 
dung der Prineipien der Nächstenliebe geheilt werden. Ein 
Freund der nothwendigen Freiheit und Gegner des rohen in 
der Wirthschaft alleinherrschenden Egoismus war er in der That 
ein interessanter Vorläufer des späteren sogenannten Katheder- 
socialismus. Wie richtig er oft zu urtheilen verstand, erkennt man 
nicht nur aus seiner Schilderung des Gerensatzes zwischen den
	        
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