Lehrlingswesen.
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beruhen muss — ein Gedanke, der uns bei der Frage der
Lohnfeststellung noch öfter begegnen wird — und dessen all-
gemeine Ausführung selbst heute noch zu den unerfüllten Wün-
schen gehört!
Deutschland hat in der Zeit des definitiven Untergangs
der alten Handwerks- resp. Zunft-Ordnung und des Sieges der
Grossindustrie solche wahrhaft haarsträubende Zustände, wie
sie uns vom englischen Kaminfegergewerbe, von den Lehr-
lingen in Birmingham und den Kirchspiellehrlingen berichtet
sind, nicht erlebt. Wohl aber kennen auch wir den Miss-
brauch jugendlicher Arbeitskräfte, die nach abgelaufener so-
genannter Lehrzeit zu nichts zu brauchen sind; wir erleben
die allgemeinen Klagen über sittliche Verwilderung der Lehr-
linge, über ungenügende technische Ausbildung der Arbeiter
bei dem System der freien Concurrenz, über Druck der Löhne
durch herbeiströmende ungelernte Arbeiter, Und wie in
England die Wiedereinführung des Gesetzes der Elisabeth
verlangt wurde, so strebt man bei uns nach Wiederherstellung
zünftischen Lehrlingszwangs. Hier wie dort ist es insbesondere
die kleine Industrie, welche sich durch die alte Handwerks-
ordnung gegen die Wucht der concurrirenden Grossindustrie
zu schützen sucht und es sind Arbeiterverbände, welche in
ihrem Streben nach Verringerung des Arbeitsangebots Sehn-
sucht nach alten Beschränkungen der Arbeiterconcurrenz ver-
rathen,
Es haben im Lehrlingswesen in England zu Anfang des
Jahrhunderts schwere Missstände geherrscht — ein allge-
meines Zwangsgesetz zu ihrer Hebung wurde: nicht gegeben
und konnte nicht gegeben werden, sondern langsam nur haben
die Sitten und die Energie freier Corporationen vieles gebessert.
Gewiss können Bei uns der Staat, die Städte und die
grossen Arbeitgeberverbände mehr thun, als in England ge-
schah”z. B. durch Errichtung von Schulen für Lehrlinge und
jugendliche Arbeiter. Es braucht nicht Alles dem natürlichen
Drang der Verhältnisse, ein neues Gleichgewicht zu finden und
dem kämpfenden Streben der Arbeiterverbände überlassen zu
werden — das aber lehren wohl die englischen Vorgänge