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DIE WIENER GAUMONT-FILM-GESELLSCHAFT 
Wenn wir die Geschichte der Gaumont-Film-Gesell- 
schaft schreiben wollen, müssen wir weit zurückgreifen, 
auf die Anfänge der Kinematographie. Man nennt 
Frankreich das Geburtsland der Kinematographie. Es 
war der Franzose Lumiere, der den ersten brauch- 
baren Filmaufnahme- und Vorführungsapparat ge- 
schaffen hat. Es ist daher kein Wunder, daß man 
auch in Frankreich zuerst daran dachte, die neue Er- 
findung kommerziell und künstlerisch auszubauen und 
sie den breiten Massen der Bevölkerung zugänglich 
zu machen. Es waren französische Firmen, welche 
diese undankbare, von zahllosen Riskenund Schwierig- 
keiten bedrohte Pionierarbeit leisteten, in erster Reihe 
die Firma Gaumont. 
Schon 1908 errichtete Gaumont in Wien ein 
Zweigunternehmen, das also heute bereits auf eine 
zwanzigjährige Geschichte zurückzublicken ver- 
mag. Die Wiener Gaumont-Gesellschaft befaßte sich 
bis zum Kriegsausbruch ausschließlich mit dem Ver- 
leihen der von ihrem Pariser Stammhaus erzeugten 
Filme. Als nach Beendigung des Krieges die Pariser 
Gaumont-Gesellschaft die Produktion wesentlich ein- 
schränkte, verlegte sich die Wiener Gaumont-Gesell- 
schaft hauptsächlich auf die deutsche Produktion und 
brachte zahlreiche deutsche Spitzenfilme nach 
Desterreich zum Verleih. Wenn auch das Haupt- 
gewicht dieses alten Unternehmens noch immer auf 
den deutschen Film gelegt wird, so weist die Erschei- 
aungsliste des Hauses doch auch öfters fremdländische 
Produktionen, insbesondere solche amerikanischen 
Ursprungs auf. 
Wir verweisen hier auf den Film „Chikago”, der 
im vergangenen Jahr erschien und eine der ganz 
zroßen Sensationen der Saison 1028/20 war. Mit 
zeltenem Freimut wird in diesem Film der außer- 
ordentliche Einfluß geschildert, den die Frau in 
Amerika auf allen Gebieten des privaten und 
öffentlichen Lebens besitzt, ein Finfluß, der sich 
nicht selten zu einer grotesken Tyrannis entwickelt. 
Nebenbei wird das Gesellschaftsleben Amerikas und 
seine Justiz unter die Lupe genommen und in über- 
aus geistvoller Weise persifliert. Trotzdem ist der Film 
kein Tendenzfilm, darf auch nicht als solcher auf- 
gefaßt werden, sondern verfolgt lediglich den Zweck, 
ein amüsantes, absichtlich ein wenig verzerrtes Spiegel- 
bild des Geisteslebens unserer Zeit zu geben. 
Auchin der inländischen Filmproduktion ist Gaumont 
nicht fremd. Die Firma hat gemeinschaftlich mit der 
Terra-Film A.G., Berlin, in Oesterreich einen 
Film hergestellt, der den Titel „Die Ballettmädels” 
führt und nicht nur vom österreichischen, sondern vom 
internationalen Publikum beifällig aufgenommen wurde. 
Auch die jüngste technische Erfindung, das Radio, 
hat die Wiener Gaumont-Film-Gesellschaft in den 
Kreis ihrer Tätigkeit einbezogen. Sie besorgt den 
Vertrieb der weltberühmten Lumiere-Lautsprecher. 
Schließlich befaßt sich die Gaumont auch mit dem 
Verkauf kinematographischer Vorführungsapparate 
mit allem Zubehör. 
An der Spitze des Unternehmens steht seit vielen 
Jahren Direktor Jean Albert Piron, der zu den be- 
kanntesten und geachtetsten Mitgliedern der Wiener 
Filmbranche zählt, Seinem unermüdlichen Fleiß und 
seiner konzilianten Art ist es zu danken, daß die 
Firma unter den österreichischen Kinobesitzern einen 
überaus anhänglichen Kundenkreis besitzt. 
So gehört Gaumont zu den ältesten und ange- 
sehensten Firmen am Platz; es besteht kein Zweifel 
darüber, daß die Firma diese Stellung auch weiter- 
hin beibehalten wird. 
Der Gaumaont-Pala- 
300
	        
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