Full text: Zwei Bücher zur socialen Geschichte Englands

Gesundheits- und Wohnungsverhältnisse. 633 
feudaler Institutionen seien es, welche die industriellen Arbei- 
ter schädigten, nicht das Fabriksystem, 
Man weiss nicht, ob solche Meinungen aus Naivität oder 
bewusster Heuchelei entspringen. Es ist allerdings ganz un- 
möglich, aus Krankheits- oder Sterblichkeitsstatistik einen 
vollen Beweis für die physische Schädlichkeit der Fabrikarbeit 
zu erbringen, weil alle Zahlen über Krankheits- und Sterbe- 
fälle in gewissen Ständen zu Vergleichen unnütz sind, so 
lange man nicht die Zahl der Lebenden und die Zusammen- 
setzung nach Altersclassen in den betreffenden Ständen kennt. 
Auch der Umstand, dass kränkliche und schwache Individuen 
gewisse Gewerbe mit Vorliebe aufsuchen, ist zu bedenken. 
Ich gebe es einfach zu, dass die vielmissbrauchte mittlere 
Lebensdauer der Fabrikarbeiter nicht geringer ist als die 
anderer Stände — aber damit ist gar nichts bewiesen. Als 
ich im Jahre 1874 die sächsischen Industriebezirke bereiste, 
fiel mir in erschreckender Weise auf, dass die industriellen 
Arbeiter durchschnittlich im Wuchs verkümmert, in der Farbe 
bleich und in der Gesichtsbildung hässlich waren. Tiefliegende 
Augen und vorstehende Backenknochen zeigten sich allgemein. 
Was aber dem Reisenden einen aufregenden Eindruck machte, 
wurde von den Ortsangesessenen in Folge der Gewohnheit 
gar nicht gesehen. So sind auch die Zeugnisse von Ure und 
Taylor nicht beweisend. Ganz anders urtheilt Gaskell.*) Auch 
er nimmt an, dass die mittlere Lebensdauer in den Fabrik- 
städten gewachsen sei, fügt aber dazu, das Volk sei deshalb 
nicht gesünder — es leide nur an chronischen Krankheiten statt 
an acuten.?) Seine Schilderung stimmt fast wörtlich mit 
1) Manufacturing Population, S. 161—167, 220 ff, 247 ff. 
% 8. auch a. a. O0. S. 260: 
On the whole it may be said that the class of manufacturers enga- 
ged in mill labour exhibit but few well defined diseases; but that nearly 
the entire number are victims to a train of irregular morbid actions chiefly 
indicated by disturbances in the functions of the digestive apparatus with 
their consequent effects upon the nervous system, producing melancholy, 
extreme mental irritability and great exhaustion; and that few acute ma- 
ladies exist amongst them; that their existence, though it is passed in one
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.