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Zweites Buch, Cap. 5.
sich zu wenig um diese Classen, die zu neuer Wirthschaftsweise
gezwungen sind und gedankenlos als reine Arbeitswerkzeuge,
nicht als Menschen behandelt werden. Das war der grosse
Fehler der Zeit, dass man über dem Streben nach Steigerung
der Production und des Reichthums zeitweilig vergass, für die
menschliche Lage Aller zu sorgen — während doch der ar-
beitenden Classe die Möglichkeit der Fortsetzung der alten
patriarchalischen Lebensweise genommen war und sie selbst
nicht die Kraft besass, sich ein menschenwürdiges Dasein
in den neuen Verhältnissen zu begründen.!)
S$ 3. Moralität.
Es lässt sich a priori schliessen, dass die ungesunde
Lebensweise der Fabrikarbeiter und insbesondere die Kinder-
arbeit auch demoralisirend wirken mussten. Das Aufwachsen
der Kinder in den Fabrikräumen ferne von den Eltern liess
sie frühzeitig die rohen Gewohnheiten der Erwachsenen nach-
ahmen. Der schlechte Zustand der Häuslichkeit und die er-
müdende Thätigkeit in heissen Fabrikräumen verleiteten all-
gemein zum Trunk. Insbesondere wirkte der Umstand ver-
heerend, dass die Mädchen nicht mehr zu Hausfrauen er-
zogen wurden.
Die moralische Verwilderung der Fabrikbevölkerung wird
insbesondere durch den Children’s employments Report von
1843 bezeugt.?) Es gab Fabrikkinder, welche den Namen des
Apostels Paul nie gehört hatten, denen aber der des Strassen-
räubers Dick Turpin sehr geläufig war. Christus selbst war
Vielen ein unbekanntes Wesen und sie konnten das Vaterunser
nicht. Er erlosch in ihnen die natürliche Pietät gegen die
1) Bewegliche Schilderungen der traurigen Wohnungsverhältnisse in
Fabrikstädten finden sich bei Engels und Faucher. Ich unterlasse es da-
her, solche in den Text aufzunehmen. Dagegen finden sich im Anhang
unter L authentische Schilderungen, die dem Report entnommen sind.
2) Siehe die Auszüge im Anhang unter M.