Das Machtverhältnis.
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mit dem jagdbaren Tiere unmittelbar ein. Auch der Fall der Sklaven,
die in Bergwerken, Steinbrüchen usw. ihr Leben verbringen mußten,
von jeder näheren Berührung mit ihrem Herrn ausgeschlossen, gehört
jedenfalls hierher. Als zweifelhaft erscheint die Stellung der Hörigen
im älteren Europa, sofern sie außerhalb der häuslichen Gemeinschaft des
Hofes lebten. Eine starke Annäherung an das Sachverhältnis ist auch
in der modernen Industrie vielfach vorhanden. Verbindungstendenzen
im Sinne der Werkgemeinschaft sind erst neueren Datums. Der typische
Mangel aller persönlichen Beziehungen, die tiefe Kluft zwischen beiden
Teilgruppen und im „ersten Stadium“ eine seelische Verfassung, bei der
sich der Mensch über das bloße animalische Triebleben kaum erhebt,
lassen vermuten, daß dem Walten der inneren Macht hier gewisse Gren-
zen gesegt sind. Die Tatsache, daß die Beziehungen der oberen zur un-
teren Schicht auch in den legten Fällen geregelt sind, beweist natür-
lich nicht die Existenz eines vollen Sozialverhältnisses; denn über das
Verhältnis zu den Haustieren wäre dasselbe zu sagen. Ein ge-
regeltes Verhältnis kann, wie wir sahen, auch Sachen gegenüber ent-
stehen aus Klugheitsgründen und sekundär auch aus dem Respekt vor
den Geboten des Staates und der Gesellschaft. Wenn auch die Tat-
sache der Regelung für die menschliche Gesellschaft typisch ist, so kann
sie doch auch außerhalb ihrer, nämlich bei Sachverhältnissen, bestehen.
7. Uns interessieren hier besonders gewisse Formen der Ge-
walt, und zwar solche, die genetisch in engem Verhältnis zur inner-
lich begründeten Macht stehen. Scheinbar bieten sie uns das Schauspiel,
daß hier ein Gegenstand aus seinem Gegenteil entsteht. Hierhin gehört
die Entstehung des Staates auf dem Wege der Eroberung. Die Eroberer
stehen zu der unterworfenen Schicht anscheinend zunächst in einem
puren Gewaltverhältnis. Aber allmählich gehen aus dem Zusammenleben
feste Formen und eine feste Lebensordnung der Gruppe hervor, die die
Beziehungen zu der Unterschicht regelt im Sinne fester Normen und der
Willkür mehr oder weniger entzieht. Dasselbe Schauspiel bietet uns die
Revolution: Durch Gewalt entsteht ein neuer Zustand, der alsbald eine
neue Ordnung bedeutet, deren innerer Anerkennung sich auch ihre
grundsätglichen Gegner auf die Dauer nicht zu entziehen vermögen. Der
gewaltsame Ursprung wird vergessen. Das Bestehende erscheint als
selbstverständliche, in sich ruhende Ordnung. Freilich tritt in beiden
Fällen, genau betrachtet, im Anfang nicht die bloße Gewalt auf die
Schaubühne; vielmehr ist die Stärke des erfolgreichen Teiles in beiden
Fällen neben der physischen zugleich diejenige der inneren Überlegenheit
nach Wertmaßstäben, denen auch die Benachteiligten ihre Anerkennung
nicht versagen können. Die Eroberer haben kriegerische und organisa-