Full text: Zwei Bücher zur socialen Geschichte Englands

Handwerk und Grossindustrie, 681 
in England schon etablirt. So kommt es, dass wir in Deutsch- 
land nicht zwei zeitlich auseinanderliegende Momente unter- 
scheiden können, in denen erst die Hausindustrie die Herr- 
schaft des Handwerks brach und diese-dann wieder von der 
Fabrikindustrie überwältigt wurde. (Man kann dies an ein- 
zelnen Orten schon vor 1830 beobachten, z. B. Aachen, aber 
nicht in ganz Deutschland). Beide Formen der grossen In- 
dustrie fangen gleichzeitig an, sich stark zu entwickeln, und 
zwar hauptsächlich in der Weise, dass sie nicht das Hand- 
werk geradezu tödteten, sondern mehr so, dass sie dieses in 
seiner alten, aber etwas verengten Sphäre kümmerlich oder in 
veränderter Betriebsweise bestehen liessen, und daneben durch 
neue Produetion den neu eröffneten grösseren Markt sich an- 
eigneten. Es giebt allerdings eine Reihe von Gewerben, in 
denen die durchschnittliche Arbeiterzahl eines Etablissements 
unter Verringerung der Zahl der Etablissements überhaupt 
stark gewachsen ist, und in denen nicht einfach das grössere 
Etablissement das kleinere, sondern in der That die Fabrik 
das Handwerk verdrängte, z. B. in der Brauerei, Auch der 
leidensvolle Kampf der Fabrik gegen die Hausindustrie kam 
und kommt bei uns vor, z. B. in der sächsischen Weberei, 
— aber die Sache verlief doch nicht als einfache Copie der 
englischen Entwicklung. 
In kleinerem Maassstabe, innerhalb kürzerer Zeit, weniger 
heftig und ohne schroffe zeitliche Trennung der verschiedenen 
Entwicklungsstadien wiederholen sich bei uns die englischen 
Vorgänge, Das Resultat ist bei der überhaupt weniger macht- 
vollen Entwicklung der Industrie ein minder grossartiges, aber 
qualitativ dasselbe, nur geringere Leiden der Arbeiter — rela- 
tiv frühere Staatshilfe, mehr Kleinlichkeit der capitalärmeren 
Fabrikanten. 
Das Handwerk, dessen Ordnung bei uns allgemein das 
Zunftrecht war, hat seine beherrschende Stellung verloren; die 
Hausindustrie hat neben der Fabrikindustrie, z. B. in der 
Messer- und Feilen-, der Seiden- und Plüschfabrikation ihre 
grosse Bedeutung; der Drang zur eigentlichen Fabrikindustrie 
ist aber ein übermächtiger. Es ist nicht ohne Bedeutung,
	        
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