62
Erstes Buch, Cap. 1.
bei Priestley ist nicht einfach die Folge ungeschulten Denkens !),
nicht einmal nur die Wirkung nationaler Traditionen, sondern
ist vor allem erklärbar durch sein Dissenterthum. Ein im
Kampfe gegen die staatlich geschützten kirchlichen Autoritäten
befindliches Christenthnm konnte alle oppositionellen
und extremen liberalen politischen Theorien acceptiren, es
konnte für das Individuum, das allein nach seinem Gewissen
sein Verhältniss zu Gott festsetzte, das unbedingte Recht des
freien Forschens und Denkens beanspruchen und ausüben —
und konnte doch Christenthum bleiben, d. h. das freie individuelle
Bedürfniss des Glaubens an einen Gott konnte ungestört
befriedigt bleiben.
Ein Christenthum, das principiell Opposition machte, das
nach Gleichberechtigung und Freiheit rang , das principiell nicht
daran dachte, Autoritäten auszubilden zur Bindung des individuellen
Willens — ein solches Christenthum war der natürliche
Bundesgenosse von Freidenkern und politischem Individualismus,
und es war nicht unnatürlich, dass Politiker und Philosophen,
die von dem Boden solchen Christenthums ausgingen, ihren
Ausgangspunkt mit Begeisterung festhielten, zumal er ihnen
Anbänger verschaffte, ohne sie in der Ausbildung ihrer Ideen
irgendwie zu stören. Ein wichtiger Theil von Priestley’s
materialistischer Philosophie, die Leugnung der Willensfreiheit,
liess sich sogar mit der puritanischen Prädestinationslehre
sehr leicht und natürlich vereinigen.
) So erscheint es zwar Leslie Stephen 1. c. Bd. 1 S, 431: „Priestley
carikirt die übliche englische Tendenz, einen Compromiss zwischen unvereinbaren
Dingen zu machen. Kin Christ und ein Materialist.
Leidenschaftlich sympathisirend mit der französischen Revolution und
doch festhaltend an einem Rest der Doctrinen, denen diese Revolution
wesentlich entgegengesetzt war; ein politischer Bundesgenosse und religöser
Gegner des Geistes, den Paine aussprach. Aufgebend die mystischen
und doch beibehaltend die übernatürlichen Elemente des Christenthums.
Rasch die Oberfläche einer Ansicht überblickend, aber unfäbig, ihre
tieferen Tendenzen zu würdigen — so wirft er gelegentlich in scharfsichtiger
und belehrender Weise Licht auf eine Seite einer Streitfrage — nur
um im nächsten Moment in rohe Dogmen und abgelebten Aberglauben
zurückzufallen.“