Full text: Zwei Bücher zur socialen Geschichte Englands

R. Price. 
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thun wir? Entsetzlicher Gedanke! Wir verhöhnen sie als 
Fanatiker und spotten über Religion. Wir jagen nach Ver- 
gnügungen und vergessen allen Ernst und Anstand über Masken- * 
Scherzen. Wir spielen in Spielhäusern, treiben Handel mit 
Wahlflecken, werden meineidig bei Wahlen und verkaufen 
uns selbst für Stellen. Welche Partei wird da die Vorsehung 
voraussichtlich begünstigen? In Amerika sehen wir eine An- 
zahl aufstrebender Staaten in der Kraft der Jugend, erfüllt 
von der edelsten aller Leidenschaften, der Leidenschaft für 
Freiheit und beseelt von Frömmigkeit! Hier sehen wir einen 
alten Staat, gross zwar, aber aufgeblasen und irreligiös, ent- 
nervt durch Luxus, belastet mit Schulden, hängend an einem 
Faden — kann man ohne Schmerz nach dem Ausgang blicken? 
Müssen wir nicht Unglücksfälle erwarten, welche unsere 
Freigeister und Atheisten wieder zum Nachdenken, vielleicht 
zur Frömmigkeit bringen werden?“ 
Wir sehen hier in der That nicht nur eine gefühlsmässige 
Ehrfurcht vor dem traditionellen Recht, sondern geradezu ein 
sittliches und religiöses Pathos, verbunden mit dem zer- 
setzendsten, schrankenlosesten, politischen Rationalismus. 
Aber diese Gefühle entstammen nicht einem durchdachten 
Idealismus, der einen wirklichen Gegensatz zu dem materia- 
listischen Rationalismus bilden würde. Alle öffentlichen Ein- 
richtungen sollen den Interessen der Einzelnen nützlich sein 
und Price glaubt, dass die englische Verfassung und dass 
ein warmer Gottesglaube in gleicher Weise nützlich seien. 
Einem politischen Individualisten gegenüber, der dies eb&n nicht 
glaubt, würde Price kein Argument haben; er glaubt es aber 
Noch und unterscheidet sich dadurch von seinen französischen 
Vorgängern, während er sich seinen englischen Vorgängern 
dadurch anschliesst. Er glaubt es, ohne dass dies eine 
Nnothwendige Consequenz seiner sonstigen Doctrinen wäre, 
aber er kann es glauben, ohne positiv inconsequent zu sein. 
Er glaubt es ernstlich, aber dieser Glaube ist nicht die vor- 
herrschende Kraft, die ihn als Politiker beherrscht. 
Wie wenig eine principiel! durchdachte ideale Weltauf- 
fassung die Wurzel dieses Glaubens bei Price ist, geht aus seiner
	        
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