Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Oolitische u. soziale Wandlungen; Schicksale des ostfränkischen Reiches. 113 
Dem unabwendbaren sozialen und politischen Ruin ging 
der immer stärkere innere Zerfall des Universalreiches in Einzel— 
reiche bis zur völligen Auflösung des alten Zusammenhanges 
unter Kaiser Arnulf gegen Ende des 9. Jahrhunderts zur 
Seiten: und damit nicht genug: auch von außen her ward das 
morschende Staatsgebäude von zunehmenden Angriffen bedroht 
und durchlöchert. 
Gegen den christlichen Orbis terrarum des Frankenreiches 
richtete sich seit Beginn des 9. Jahrhunderts, wie einst gegen 
den heidnischen der Römer, eine förmliche Völkerwanderung. 
Schon zur Spätzeit Karls des Großen dringen Sarazenen von 
Afrika gegen Italien, von Spanien gegen Gallien vor, plündern 
Nordgermanen die Küsten- und Flußlandschaften der Nordsee, 
regen sich die Slawen jenseits des Böhmerwaldes und der Elbe, 
ziehen die mongolischen Awaren das Donauthal herauf und 
südlich der Alpen nach Oberitalien. 
Die Angriffe im Osten und Westen liefen in Landkriege 
aus; ihnen zeigte sich die Macht Karls des Großen vollauf 
gewachsen. Anders im Süden und Norden. Normannen und 
afrikanische Sarazenen kamen zur See; schon Karl konnte sie 
nicht völlig bändigen, und weitaus beschwerlicher fiel die Ab— 
wehr seit Ludwig dem Frommen. 
Die Sarazenen drangen in Unteritalien vor; bereits im 
Jahre 845 plünderten sie Rom. Nicht das Reich, sondern eben 
Rom vertrieb sie auch wieder aus Italien; nach etwa zwei 
Generationen fortwährender Beunruhigung schlug sie Papst 
Johann X. entscheidend am Garigliano. 
Die Normannen befinden sich seit Beginn des 8. Jahr⸗ 
hunderts in der Periode eines aufstrebenden Großkönigtums 
zegenüber den kleinen Gaukönigen der Vorzeit. Die Klein— 
könige, von ihrer Herrschaft verstört, greifen zur Seefahrt: auf 
mehr als ein Jahrhundert werden die Wikinge die gefürchtetsten 
Piraten Europas. Die Männer vom Norden, die den Ostweg 
1 Vgl. oben S. 45. 
Lamprecht, Deutsche Geschichte LI.
	        
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