Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

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Fünftes Buch. Erstes Kapitel. 
gekommen, daß der Kaiser zu Königsboten, jenen obersten staat— 
lichen Aufsichtsbeamten der Karlingischen Zeit, neben Grafen 
auch geistliche Würdenträger in ihren Sprengeln bestellte!: es 
war eine starke Verkirchlichung der höchsten staatlichen Ver— 
waltungsstaffel. 
Was aber schlimmer war: die neue Ordnung bewährte 
sich nicht. Der Klerus als herrschende Klasse entwickelte mehr, 
als je bisher, ein unerträgliches Selbstbewußtsein, er begann 
sittlich zu verfallen, sein staatliches Pflichtgefühl ging verloren. 
Die Beziehungen der politischen Centralgewalt zum Lande 
lockerten sich, der Unfriede wuchs, die Ausbeutung der unteren 
durch die herrschenden Klassen nahm bedrohliche Formen um 
so mehr an, als man in einem Zeitalter furchtbarer sozialer 
Umwälzungen lebte; allgemein schrie das Volk nach Reform 
und Besserung. 
Auch die Bischöfe machten sich beim Kaiser in ihrer Weise 
zu Dolmetschern dieser Stimmung: der Staat gehe zurück, der 
Kaiser möge pflichtgemäß arbeiten, statt zu jagen und zu 
träumen, vor allem aber solle er Gott ehren in seinen Priestern. 
Ludwig fühlte dumpf, daß etwas geschehen müsse. So 
ordnete er vor allem ein dreitägiges Fasten im ganzen Umfang 
des Reiches an, und berief dann zum Ende des Jahres 828 
einen Kreis vertrauter Männer nach Achen. Das Ergebnis 
ihrer Beratungen waren zwei schöne Rundschreiben voll bunter 
Phrasen und unwürdiger Schuldbekenntnisse des regierenden 
Herrschers; greifbar war nur die Anordnung, daß vier Synoden 
über des Reiches Notdurft des weiteren beraten sollten: dem 
Klerus schien Reform und Regierung überlassen. 
Von den Beschlüssen der vier Synoden sind uns nur die— 
jenigen der Pariser vom Jahre 829 bekannt. Sie betonen in 
klug gemäßigter Form die absolute Überordnung von Kirche 
und Klerus über jede staatliche Ordnung; neben einigen Spezial— 
mitteln sehen sie in der weiteren Erhöhung der Kirche, vor 
allem in der höheren Würdigung der Bischöfe, das A und O 
S. Commemoratio missis data, Capit. 151, 1 ed. Boréètius 
J, 308; dazu Simson J, 206f.; Krause, Gesch. des Institutes der missi, 
Mitt. d. Inst. f. österr. Geschichtsforsch. 11 (1890) S. 242 f.
	        
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