Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

0 Elftes Buch. Zweites Kapitel. 
Sicher hatte der Papst damit die Meinung weiter Kreise 
wider sich. Und zu ihrem Anwalt machte sich nun König 
Ludwig. Er versetzte dem Papste einen empfindlichen Schlag, 
wenn er in jenem der Sachsenhäuser Appellation angehängten 
Zusatz, der übrigens wohl auf den Spiritualen Ubertino von 
Casale zurückgeht, Johann als Ketzer und Gegner der evangelischen 
Armut brandmarkte. 
War anzunehmen, daß der Papst diesem Doppelangriff 
weichen werde? Gegen die Spiritualen hatte er längst schon 
gethan, was seines Amtes war; Ludwig erklärte er jetzt, am 
11. Juli 1324, falls dieser nicht bis zum 1. Oktober entweder 
selbst vor ihm erscheine oder Gesandte schicke, aller kaiserlichen 
und königlichen Rechte verlustig. 
Es kam darauf an, ob die Deutschen das Machtwort des 
Papstes hören würden. Und hier zeigte sich zum erstenmal deut⸗ 
licher die große Wendung, die für unser Volk seit dem 12. und 
13. Jahrhundert eingetreten war: es hatte begonnen, ein politisches 
Ganzes, eine Nation mit der Richtung auf eigne, immanente 
Gesamtentwicklung zu werden. Die Wutausbrüche des Papstes 
machten als Einwirkungen einer auswärtigen Macht wenig Ein⸗ 
druck; und wo sie genauer ins Auge gefaßt wurden, da entzog man 
sich ihnen meistens erst recht. So fürchteten die Kurfürsten, von 
den Minoriten bearbeitet, Eingriffe des Papstes in ihre Wahlrechte; 
sie zogen die Fürsten mit sich fort, auch einige der geistlichen, die 
zum Teil nur murrend und teilweis garnicht des Papstes Prozesse 
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mit wenigen Ausnahmen für Ludwig; nicht umsonst war die 
Sachsenhausener Appellation ins Deutsche übersetzt worden. 
Nur an einer Stelle fand der Papst begreifliches Ent— 
gegenkommen: beim Hause Habsburg. Herzog Leopold, der 
Bruder des gefangenen Königs Friedrich, von glühendem Hasse 
gegen Ludwig erfüllt, ging mit der Kurie. Und er zog alle 
Folgerungen des ersten Schrittes: auch mit Frankreich zu ver— 
handeln, ja dem französischen Herrscher das Königtum seines 
Bruders zu opfern war er bereit, um Rache an dem Wittels—
	        
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