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Elftes Buch. Zweites Kapitel.
Krone aufs Haupt setzte. Am 14. April ließ dann der in
feierlichen Ornate erschienene Kaiser der auf dem Platze von
St. Peter versammelten Volksmenge drei Gesetze vorlesen, von
denen das erste die der Ketzerei oder die des Majestätsverbrechens
oder beider Sünden überführten mit sofortiger Bestrafung, das
zweite Empörer gegen den Kaiser und das römische Volk mit
Gütereinziehung bedrohte, das dritte den Notaren anbefahl,
die Urkunden nach den Regierungsjahren des Kaisers zu datieren.
Am 18. April erklärte Ludwig an derselben Stelle den Papst
wegen Majestätsbeleidigung und Häresie in Sachen der Armut
Christi für abgesetzt; das Dekret, an dem Marsilius den Haupt—
anteil hatte, bezeichnet den Papst als den Reiter auf dem
roten Roß der Apokalypse. Am 12. Mai veranlaßte darauf
Ludwig die Papstwahl eines gefügigen Minoriten, Pietro
Rainalducci aus Corvara in den Abruzzen, und bestätigte,
proklamierte und krönte den Gewählten als Nicolaus V. Am
22. Mai, einem Pfingstsonntag, setzten sich Kaiser und Papst
gegenseitig die Kronen auf.
War die Welt so völlig verändert? Sollten die enthusiastischen
Theoretiker in der Umgebung Ludwigs, die sich noch eben durch
den papstfeindlichen Minoritengeneral Michael von Cesena und
die gelehrten minoritischen Armutsapostel Decam und Bonagratia
zu verstärken im Begriffe waren, so ganz Recht behalten? Villani,
der fromme Geschichtschreiber von Florenz meint, die Erfolge für
Ludwig hätten dauernd sein können, hätte er sie alsbald zu
einem energischen Zuge gegen König Robert von Neapel benutzt.
Allein Ludwig ließ, statt zu handeln, die Volkskraft der
Römer, wie sie durch die revolutionären Bewegungen und das
Außerordentliche der Vorgänge ausgelöst war, im Phrasenfeuer—
werk elender Versammlungen verpuffen. So trat bald die Kehrseite
der Dinge zu Tage. Rom wurde schwierig, in der Lombardei
fielen wichtige Signorien ab, die Oberdeutschen und Niederdeutschen
des Heeres gerieten in Zwist. Am 4. August 1828 mußten Kaiser
und Papst aus Rom abziehen, unter den Steinwürfen des Pöbels;
bald darauf bemächtigte sich König Robert der Stadt.
Und nun war kein Haltens mehr, trotz aller Verwünschungen