Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Kampfe zwischen Papsttum und Kaisertum; goldene Bulle. 99 
That den Vorschlag zu; ja, schon wurde alles geordnet, um 
Heinrich die Nachfolge zu sichern; und der König von Frank— 
reich, mit dem Papst im Einverständnis, wollte bei dieser 
Gelegenheit für sich den Anfall eines schönen Nebenerwerbs 
bewerkstelligen: Heinrich sollte ihm die Reichsrechte im König⸗ 
reich Burgund und im Bistum Cambray für 300 000 Mark 
Silbers verpfänden — natürlich auf Nimmereinlösen! 
Mag es nun dem Kaiser mit diesen Absichten völlig 
ernst gewesen sein oder nicht: als sie im Reiche anfingen bruch⸗ 
stückweise bekannt zu werden, erregten sie überall, und nament— 
lich in den Städten, das unverhohlenste Erstaunen. Die Nation, 
schon länger in leisen Schwingungen künftiger Erregung be⸗ 
griffen, begann, zu fester Stellungnahme gegen den Papst, für 
den Kaiser zu erwachen. Auf Ludwig wirkte das entscheidend. 
Er schrieb jetzt an die Stadt Worms: Er wolle nicht ab— 
danken. Er habe nie abdanken wollen. Wer das behaupte, 
der lüge. Und wenn jemand es unternähme, zum Beweise 
solcher Absichten Urkunden vorzulegen, so solle man sich nicht 
daran kehren, denn die Welt sei voll von Falschheit! 
In der Zeit, da die Verhandlungen König Johanns mit 
der Kurie diesen merkwürdigen Abschluß fanden, war die Lage 
des Papstes für den Kaiser nicht ungünstig. Johann XXII., 
in seinen theologischen Behauptungen gelegentlich unvorsichtig, 
hatte Allerheiligen 1831 die Ansicht ausgesprochen, daß die 
Gerechten erst beim jüngsten Gericht, —XV—— 
Seligkeit im Anschauen Gottes gelangen würden. Hierin er⸗ 
kannle die Zeit eine grobe Härcsie; stäubend erhob sich ein 
Gewirbel scholastischer Kämpfe; von neuem sah sich Johann als 
Ketzer verschrieen. Und das zu einer Zeit, da eine nicht un— 
bedeutende Partei im Kardinalskollegium, geleitet von Napo⸗ 
leone Orsini, in das von Johann verabscheute Rom zurück—⸗ 
strebte. Wie hätte Ludwig diese Lage ausnützen können! Und 
schon suchten die dem Papste feindlichen Kardinäle Fühlung 
mit dem Kaiser: da starb Johann XXII., neunzigjährig, am 
4. Dezember 1334, nachdem er noch rechtzeitig seine Ketzerei 
quf dem Totenbette widerrufen hatte,
	        
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