Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

102 Elftes Buch. Zweites Kapitel. 
Der Straßburger Chronist Fritsche Klosener berichtet: in den 
ziten wart das buch gemacht, das do heisset Deéfensor 
pacis. Das bewiset mit redlichen sprüchen der h. gesehrift, 
daz ein bobest under eime kaiser sol sin und daz er kein 
weltlich herschaft sol han. Es bewiset ouch des bobestes 
und der cardinel grit und ire hofart und ire simonie, die 
su gewohnlich tribent und sich des beschonent mit falschen 
glosen. Der Stolz auf das Dogma kaiserlicher und nationaler 
Unabhängigkeit und ein gründlicher Haß gegen das Papsttum: 
das waren die Empfindungen, denen sich die Bürger dieser Tage 
hingaben, und ihre bettelmönchischen Orden, Minderbrüder wie 
auch Prediger, bestärkten sie vielfach in diesem Bekenntnis. 
Ludwig trug diesen Strömungen Rechnung. Nach einem 
letzten vergeblichen Vermittlungsversuche des hohen Klerus 
zwischen Regnum und Sacerdotium, dem sich auch andere Reichs— 
stände angeschlossen hatten, berief er Stände und Kurfürsten zum 
Juli 1338 nach Rhense. Hier kam es zunächst zu gegenseitiger 
Versöhnung streitiger Reichsglieder; vor allem die Erzbischöfe 
von Trier und Mainz schlossen miteinander Frieden. Dann 
traten die Kurfürsten zu Oberlahnstein am 15. Juli für sich 
zusammen: zum erstenmal wohl regte sich unter ihnen das volle 
Bewußtsein, daß ihre Genossenschaft bei schweren Angriffen auf 
das Königtum die geborene Schützerin und Vertreterin der natio— 
nalen Einheit darstelle. So verbanden sie sich, die Rechte zu 
schirmen und zu erhalten, in denen ihnen diese Einheit verletzt 
schien. Es geschah tags darauf in einem Weistum, das unter 
den Nußbäumen der Rheinwiese bei Rhense, dem Orte der Königs⸗ 
wahl, feierlich gefunden ward. Es wurde ausgesprochen, daß ein 
von der Mehrheit der Kurfürsten gewählter König zur Regierung 
des Reiches ohne weiteres befugt sei. Und was hier grund 
sätzlich festgestellt war, das verkündete Ludwig ausführlicher und 
unter einigen Zusätzen in den Sprüchen eines nach Frankfurt 
einberufenen Reichstages, die er am 6. August 1888 feierlich, 
im vollen Ornat, im Deutschordenshaus zu Sachsenhausen ver— 
lesen ließ. Sie lauteten dahin, daß auch die kaiserliche Würde 
unmittelbar von Gott und nicht vom Papste stamme, und daß
	        
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