120 Elftes Buch. Zweites Kapitel.
dem Erwachen der nationalen und freiheitlichen Gedanken hier
und dort, in Flandern, in der Schweiz, Volkskämpfe auf Leben
und Tod. Die Taktik wurde die des Fußheeres. So wurde
der adlige Reitersmann, von kriegerischen Massenunternehmungen
ausgeschlossen, auf kleine Fahrten beschränkt; und ergaben sich
diese nicht in fremdem Auftrag, so führte er sie wohl eigen⸗
mächtig aus zu Raub und Schande. Schon Bruder Bertholt
hatte Raub, Brennen, Turnei und andere Hoffart gelegentlich
zusammen als ritterliche Beschäftigung genannt; jetzt wurde
die Verbindung dieser Dinge für einen Teil des Adels
typisch.
Einer nationalen Rolle als Ganzes war der Adel damit
natürlich in Begriff verlustig zu gehen; bald stand er nicht mehr
neben Fürsten und Städten in gleich wichtigem Range. Zwar
hielten sich gewisse Teile des Adels selbständig unter dem Reiche,
und wir werden gerade sie noch einmal in der zweiten Hälfte
des 14. Jahrhunderts politisch bedeutungsvoll eingreifen sehen.
Aber die große Masse begann doch in abhängige Stellung zu
Fürsten und Städten zu geraten. Die Städte warben noch
immer, wenn auch in stets untergeordneterer Stellung, edle
Reisige für ihre Kriege an. Die Landesherren zerstörten all—
mählich die alten freien Lehnsverhältnisse des kleinen Adels in
den Territorien und entnahmen dafür seinen Kreisen das Per⸗
sonal für die Landesverwaltung, die eben damals in den ersten
Anfängen der Bildung begriffen war!. So fanden sich für
den Adel neue Lebensziele, aber sie führten nicht mehr in die
freie Luft offener nationaler Bewegung im Reiche.
Hier handelte es sich jetzt, neben dem geschwächten König⸗
tum, an erster Stelle fast nur noch um zwei Klassen, um
Bürgerschaften und Fürsten, um Städte und Territorien. Ihre
Gegensätze, ihre Schicksale beherrschen schon die zweite Hälfte
des 14. Jahrhunderts.
Aber indem das Königtum nicht mehr in der Lage war,
die Entwicklung der Nation, wie sie fast allein von sozialen
S. unten S. 359 ff.