Sonderbildungen an den Grenzen des Reiches. 133
lebens im naturalwirtschaftlichen Lehnsstaate unter dem Titel
der Reichsunmittelbarkeit aufrecht zu erhalten gegen modernere
Mächte, und die Durchführung dieses Entschlusses auf dem
ebenfalls uralten Wege genossenschaftlicher Einung.
Steht die Sage mit diesen Ausführungen wie mit der ganzen
Art ihrer Vorstellung und Bildung nun der Art moderner Ge—
schichtsforschung gar so fern, ist sie vor allem von ihr grundsätzlich
geschieden? Sicherlich wissen wir jetzt von den frühesten Ent—
stehungsvorgängen der Eidgenossenschaft viel mehr und weit
Genaueres, als die sagenbildende Phantasie der schweizer Bürger
und Bauern des 14. und 15. Jahrhunderts. Aber haben wir diese
erweiterten Kenntnisse mit prinzipiell andern Mitteln gewonnen?
Das volkstümliche Gedenken schuf aus einer oberflächlichen Er—
innerung an Geschehenes mit grober Empirie ein Gewebe, bei
dem sich nur noch die Grundform für den Einschlag als ge—
schichtlich echt erweist; wir sehen mit verfeinertem Auge und
unter intensivster Betrachtung die Reliquien einer vergangenen
Zeit durch, um aus ihnen das ganze einst Gewesene zu er—⸗
mitteln. Aber die Methode ist im Grunde dieselbe: hier wie
dort arbeitet die Phantasie, um die Totalität des Geschehenen
wiederherzustellen: das Heute unterscheidet sich von dem Einst
nur durch den Gebrauch raffinierterer Mittel der Arbeit. Auch
heute ist es noch niemand, der Geschichte schreibt, gelungen,
sein Selbst völlig auszulöschen und nichts reden zu lassen als
die Dinge selbst. Eine Anderung würde hierin nur dann ein⸗
treten können, wenn es gelänge, eine geläuterte Psychologie in
ähnlicher Weise zur Grundlage historisch-politischen Forschens zu
entwickeln, wie die Mechanik Grundlage naturwissenschaftlicher
Untersuchung geworden ist. Träte aber dieser Fall ein, so würde
selbst dann nicht eine Geschichtsschreibung, welche auf die Dar—
stellung nur einmal geschehener wichtigster Vorgänge ausgeht, vor
allem also die politische Geschichtsschreibung, zum Range einer
sogenannten vollen Wissenschaft zu erheben sein. Denn selbst
eine Psychologie, als Mechanik der Geisteswissenschaften gedacht,
würde die Tiefe psychischer Vorgänge nur aus einer Mehrheit
deutlich vorliegender analoger Fälle entwickeln können. Die