Sonderbildungen an den Grenzen des Reiches. 137
begann auch sein Gebiet langsam von Süden her französischem
Einfluß zu verfallen.
Die flandrische Kultur war noch bis ins 12., ja 13. Jahr⸗
hundert hinein vor allem deutsch charakterisiert gewesen. Deutsch
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weit es sich um ihre Beeinflussung durch äußere Einwirkungen
handelte. Noch die Kathedrale von Doornik aus der Blütezeit der
Staufer weist Zusammenhänge mit der niederrheinischen, speziell
der Kölner Architektur auf, und nach ihrem Muster sind noch die
Dome von Cambray und Noyon gebaut. Aber schon die früheste
Gotik kam aus Frankreich. Und im Laufe des 13. Jahr⸗
hunderts wurden die Einwirkungen der französischen Kultur
mächtiger. Vor allem der Hof und die patrizischen Bürger⸗
häuser Flanderns nahmen sie auf; glücklich, daß noch die Sprache
des öffentlichen Lebens vlamisch blieb. Aber wie öffnete
sich auch dieses Vlamisch allmählich dem Einströmen franzö—
sischer Wörter! Eine Urkunde vom Jahre 1476, die den
abgelaufenen Prozeß zeigt, enthält die Wendungen: goede
souffisante ende notable persoonen; omme de cohertie van
dien usance; clercken, die ten religioene ydoine bevonden
zijn zullen.
Das Eindringen französischer Kultur aber wurde vorbe⸗
reitet und ausgebeutet durch den Einfluß der französischen
Politik!. Sobald nur England die Normandie an die fran—
zösischen Könige verloren hatte, wandte sich die französische
Eroberungslust den nördlichen Gebieten des Ärmelkanals und
damit Flandern zu. Schon unter Philipp II. August (1180
bis 1223) mußte der Flandergraf den Teil Flanderns, der
seitdem das Artois hieß, mit den welschen Städten Arras und
St. Omer abtreten; und darüber hinaus wurde die Abtrennung
der Städte Lille und Douai eingeleitet. Das übrig bleibende,
rein vlamische Flandern aber suchten die französischen Könige
wenigstens in strengster Weise zur alten Lehnspflicht zurück—
zuführen. Nachdem dies gelungen war, wurde das Land von
Vgl. Band III S. 318 f.