Full text: Zwei Bücher zur socialen Geschichte Englands

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Erstes Buch, Cap. 2. 
der einen Frage nach Vermehrung des Gesammtreichthums 
oder des Capitals nicht auf, sondern strebte danach, das gesell- 
schaftliche und staatliche Leben der Gesammtheit im grossen 
Zusammenhang zu erfassen. Auch diente er bis zu einem 
gewissen Grade einem Stande, aber einem andern als Ricardo, 
jedoch so, dass ihm der Blick auf das Ganze der Gesell- 
schaft und die Staatsidee nie verloren geht. Malthus ist der 
englische Aristokrat vom alten Schlag, der sich neue Zeit- 
ideen dienstbar macht, sich dem Geiste der neuen Zeit bis 
zu gewissem Grade” unterwirft — und doch noch ein gut Theil 
des uninteressirten Staatsgefühls der alten Aristokratie bewahrt. 
Er ist ein aufgeklärter Conservativer, der in der Conservirung 
englischer Institutionen die Erreichung des Guten erblickt, 
das von kosmopolitischen Neuerern überhaupt angestrebt wer- 
den kann. Er ist kein Feudaler und kein Absolutist — das 
konnte ein echter englischer Conservativer nicht sein — 
aber auch kein Radicaler, der die Institutionen Englands 
rücksichtslos nach irgend einem Schema umgestalten wollte 
und für nichts Verständniss hatte als für dieses Schema, 
Wenn wir den Gegensatz zwischen Malthus einerseits, 
Bentham und Ricardo andererseits richtig verstehen wollen, 
so ist vor Allem Folgendes zu beachten: 
Malthus ist, im Gegensatz zu philanthropischen Schwärmern 
und namentlich im Gegensatz zu den Helden der französischen 
Revolution, der Meinung, dass öffentliche (Zwangs)-Institu- 
tionen wohl manches vermögen, aber von geringer Bedeutung 
sind gegenüber den Gesetzen der Natur und den Wirkungen 
der im Wesentlichen stets unverändert bleibenden Anlage des 
Menschen. Auch Malthus geht daher hauptsächlich von dem 
menschlichen Individuum als solchem aus. Aber er construirt 
nun aus der Voraussetzung individueller Freiheit nicht eine 
Reihe von mechanisch wirkenden Gesetzen, die das mensch- 
liche Zusammenleben nothwendig und in der heilvollsten- 
Weise beherrschen — sondern er verlangt von der sittlichen 
Kraft der Individuen eine das Gesammtwohl vor allem för- 
dernde That. Malthus entwickelt einen Individualismus nicht 
nur der Rechte und Interessen, sondern auch der Pflichten.
	        
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