Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

156 Elftes Buch. Drittes Kapitel. 
Land und verschleuderte dem Adel in der Wahlkapitulation von 
Wiborg die königlichen Rechte. 
Inzwischen hatte sich die holsteinische Herrschaft geradezu 
entgegengesetzt entwickelt. Schon das war für sie ein Gewinn, 
daß im Jahr 1316 die Zahl der regierenden Linien des Grafen⸗ 
hauses auf zwei zusammenschmolz: in Plön herrschte Graf 
Johann, in Rendsburg Graf Gerhard. Von ihnen aber war 
Gerhard, de grote Ghert noch heute gefeierten Andenkens, 
ein Charakter von heroischer Anlage, dem alles Große winken 
mußte in Zeiten, die im Nordosten noch die unverwelkte Blüte 
des Rittertums sahen. Er ist fast von dem Augenblicke an, 
da er, noch ein junger und armer Mann, auf dem Speicher 
zu Rendsburg mit seinen grauen Hirschhunden Hof hielt, der 
Held der Holsten geworden, und Sage und Dichtung hoben 
seine Gestalt früh fast ins Mythische. 
Gerhard ging zeitig auf den Erwerb einer dänischen 
Machtstellung aus. Noch König Erich hatte ihm und seinem 
Vetter Johann im Jahr 1317 wegen geleisteter Kriegsdienste 
die Insel Fünen verpfänden müssen; Christoph ward dann 
nur mit holsteinischer Hilfe und gegen das Versprechen, 
Fehmarn abzutreten, König. Darauf starb wenige Jahre 
nach Christophs Thronbesteigung Herzog Erich von Schleswig; 
er hinterließ nur einen elfjährigen Sohn. Gerhard erzwang 
sich in blutigem Kampfe das Recht, Vormund des Sohnes 
zu sein. 
Damit war Gerhard unmittelbarer Nachbar Dänemarks 
geworden: längst von ihm ins Auge gefaßte Ziele konnten nun 
erreicht werden. Er verjagte König Erich; unter dem Schein⸗ 
königtum seines schleswigschen Mündels beherrschte er seit 
dem Jahre 1826 das Reich der Dänen. Und es geschah im 
Sinne einer vollen deutschen Eroberung: massenhaft strömten 
Deutsche, vor allem Ritter und Edle, in das Land. Und nicht 
bloß Holsten beteiligten sich an der Ausbeutung des deutschen 
Sieges, auch die langaufgespeicherte Kraft des niedersächsischen, 
westfälischen Adels ergoß sich ins Land. Es schien, als könne 
Dänemark an Blut so deutsch werden, wie es im 17. und
	        
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