Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Soziale und politische Entwicklung des Bürgertums. 177 
kampflos zu weichen? Ja waren sie auch nur psychologisch in der 
Lage, sich mit dem neuen, im Rat verkörperten Element großkauf⸗ 
männischen Bürgertums zu verständigen? Ihre Stadtverwaltung 
sah jetzt auf mehr als ein halbes Dutzend Generationen erfolg— 
reicher Thätigkeit zurück; so lange hatte sie sich in den Formen 
ministerialischer, halb militärischer Beamtenthätigkeit bewegt!. 
Die Überlieferung innerhalb einer solchen Verwaltung war 
nicht geeignet, eine rasche Aussöhnung mit dem demokratischen, 
bürgerlichen Element herbeizuführen. Zudem: indem man die 
Formen dieser Verwaltung gegen die empordrängende bürger⸗ 
liche Bewegung beibehalten hatte, war die Verwaltung von 
selbst bereits unzweckmäßig geworden, hatte sich zurückgezogen 
auf die bloßen Interessen des Stadtherrn und sich dadurch 
ins Unrecht gesetzt gegenüber jeder künftigen Entwicklung. 
Schon im 12. Jahrhundert erscheint deshalb die Herrschaft der 
Fürsten in den Städten nicht so sehr von eindringlicher Für⸗ 
sorge für die Weiterentwicklung der Beherrschten bestimmt, als 
vom finanziellen Interesse an hergebrachten Einkünften. 
Unter diesen Umständen waren die Tage der alten Stadt— 
herrschaften gezählt. Und nur in der geringeren Anzahl der 
Fälle fanden die Stadtherren noch den Entschluß, dem Rate 
ernstlich und hartnäckigen Kampfes die Leitung der Stadt zu 
bestreiten. So namentlich fast während des ganzen 13. Jahr— 
hunderts in Köln und Straßburg. Hier kam es darum zu einer 
in Sturm und Not dramatisch bewegten Geschichte: hier liegen die 
heroischen Zeiten der altbürgerlichen Entwickelung, und dichterisch 
tönen uns noch heute aus ihnen Lieb' und Leid, Treue und 
Verrat, kurz alle großen sittlichen Motive mittelalterlichen 
Lebens wieder. Freilich: wie verschieden schon ist dies Helden— 
zeitalter der emporkommenden Stadtwirtschaft von demjenigen 
der früheren, naturalwirtschaftlichen Periodel Damals die 
Tage der Helden des alten Epos, des reckenhaften Hagen, des 
goldlockigen Sigfrid: jetzt dagegen bürgerliche Kriege, von 
mS. Band III S. 45 f. 
Lamprecht, Deutsche Geschichte IV.
	        
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