Soziale und politische Entwicklung des Bürgertums. 181
schlechter des Bürgertums zugethan. In dussen tiden, heißt
es von Magdeburg!“, weren hir noch kunstabeln. Dat
weren der rikesten borger kinder; de plegen dat spel vor
to stande in den pingsten, als den Roland, den schildeken-
born, tabelrundeé und ander spel. .. Do was ein kunstabel,
de heit Brun von Sconenbeke, dat was ein gelart man.
Den beden sine gesellen, de kunstabeln, dat he on dichte
unde bedechte ein vrœoidich spel. Des makede he einen
Gral und dichte hovesche breve. Mit diesen Briefen wurde
darauf die ritterliche Jugend von Goslar und Hildesheim, von
Braunschweig, Quedlinburg und an andern Orten zum höfischen
Turnier nach Magdeburg entboten: es waren selige Zeiten.
Allein in den meisten Städten währten sie nur wenige Jahr⸗
zehnte: dann zeigte sich auch in dieser Blüte der Wurm des
Verderbens. Handelsaristokratien pflegen kurzlebig zu sein; das
UÜbermaß raschen Gewinnes entsittlicht, die dauernde Richtung des
Geistes auf den Erwerb entfesselt die Selbstsucht: nicht umsonst
fürchten die Begründer von großen Bank- und Handelshäusern auch
heutzutage die sogenannte dritte Generation, den Ruin ihrer
Schöpfungen in den Händen minderwertiger Enkel. Im 13. Jahr⸗
hundert kam hinzu, daß die Wirkungen des Kapitals weitaus
mächtiger waren, als in späteren Zeiten. Das Kapital war
ein neues, der Masse der Nation noch unbekanntes wirtschaft⸗
liches Machtmittel; darum wirkte es noch mit der Wucht des
Unheimlichen und Unerhörten. Zudem galt seine Ausnutzung,
weil noch nicht voll aufgenommen in das Bewußtsein der
Nation, auch sittlich als verwerflich: ein Kölner Patriziersohn
der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, der Cisterziensermönch
Caesarius von Heisterbach, hat der Kirche das Wort nach—
gesprochen: Mercator sine peccamine vix esssse potest. So
auf einem sittlichen Standpunkt fußend, der von vornherein
den Bedenken der Zeitgenossen ausgesetzt war, unterlagen die
Geschlechter des 18. Jahrhunderts um so eher verderblichem
Verfall: sie wurden hochmütig und gewissenlos.
Chroniken von Magdeburg J, hrsgeg. v. Janicke S. 168.