Soziale und politische Entwicklung des Bürgertums. 189
zeichnend für ihn ist, daß sich die Beflissenen des gleichen
Handwerks der Regel nach in einer Lebensgemeinschaft zu—
sammenfinden, die ideell in dem Kult eines gemeinsamen
Heiligen gipfelt und materiell bezweckt, den Wettbewerb unter
den Genossen zur Erzielung möglichst gleichen Gewinnes zu
regeln, die lokalen Kunden an die Erwerbsthätigkeit aller zu
fesseln und im Falle besonders kostbarer Handwerksvorrichtungen
für deren gemeinsame Beschaffung, für Walkmühlen z. B., für
Bleichen, Färbereien, Tuchrahmen u. dergl. zu sorgen. Dabei
sind die Verbände an sich noch lose und faltenreich. Die
Arbeitsfelder der einzelnen Zünfte sind noch nicht unverrückbar
abgegrenzt, es ist noch kein bestimmter Lehrgang zur Erlernung
der handwerklichen Technik vorgeschrieben, es giebt noch ge—
legentlich Leute in jeder Zunft, die überhaupt dem Handwerk
ferne stehen; jede frische und frohe Kraft ist zur Aufnahme
noch willkommen, der Unterschied von arm und reich ist wenig
entwickelt, man fußt nur auf der Verwertung der persön⸗
lichen Arbeitskraft. Zugleich hält sich die Zunft noch voll⸗
kommen fern von jeder Tendenz der Arbeitsvereinigung, die
eine Zerlegung der einzelnen Arbeitsmanipulationen in ver—
schiedene Teile und die Vergebung dieser Teile an die einzelnen
Zunftgenossen erfordert hätte: sie ist keineswegs eine Organi⸗
sation der technischen Arbeit; weit ist sie entfernt von der indi⸗
bidualisierenden Arbeitsteilung der modernen Fabrik und den
Idealen des gegenwärtigen Kommunismus: sie läßt jedem
Genossen die ganze Arbeit. Dafür bindet sie aber andrerseits
den Genossen mit seinem ganzen Lebensinhalt an die Ver⸗
einigung: er hat in ihr mit all seinen Interessen, nicht bloß
mit den gewerblichen, aufzugehen; es ist ein Bund auf Leben
und Sterben. So ist die Zunft, wie die Gilde und die Mark—
genossenschaft, zwar eine wirtschaftliche Genossenschaft, aber mit
dem ausgesprochensten Zwecke allgemeiner Lebensfürsorge für
alle, die ihr zugehören.
Indes von diesen genossenschaftlichen Bildungen umfaßte
nur die Markgenossenschaft ihrer Verbreitung nach grundsätzlich
das ganze Volk: sie war das Erzeugnis von Zeitaltern mangelnder