Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Soziale und politische Entwicklung des Bürgertums. 209 
Grafen und Freiherren, Höfe in der Stadt, bald nur einfache 
Absteigequartiere, bald umfassende Baulichkeiten zur Aufnahme 
und zum Verkauf der Überschüsse aus der grundherrlichen Ernte. 
Es war natürlich, daß sich bei solchen Hofherren auch gewisse 
städtische Interessen einfanden. Und geschickt wurden diese von 
der Stadt benutzt. Der Rat sicherte sich wohl gegen Erteilung 
des Bürgerrechts die kriegerische Hilfe dieser Klasse, für die sich die 
Bezeichnung Edelbürger findet, und griff dann weiter über die 
hofhäbigen Angehörigen des benachbarten Landadels hinaus 
und erwarb die militärische Bereitschaft auch anderer Mitglieder 
durch Zahlung städtischer Pensionen. 
Und selbst hierbei blieb die enge persönliche Berührung, 
ja Verschmelzung der städtischen und der höheren ländlichen 
Bevölkerungsklassen nicht stehen. In den ruhelosen, fehde— 
bewegten Zeiten des 13. und 14. Jahrhunderts empfanden 
hervorragende Angesessene des platten Landes außerhalb des 
höheren Adels, Schultheißen, Pfarrer, Dorfhandwerker, reiche 
Bauern, nur zu leicht das Unzureichende des landesherrlichen 
Schutzes. Darum begaben auch sie sich in die Verantwortung 
der Stadt, sie wurden deren Pfahlbürger. Die hiermit ein⸗ 
setzende Bewegung war von außerordentlicher Stärke; sie er⸗ 
streckte sich schließlich auf volle Dörfer, Vogteien, Hofgenossen— 
schaften und deren Insassen; es schien, als sollten ganze Gegenden 
des platten Landes der städtischen Herrschaft unter der Form 
des Schutzes zufallen. Und alle dem kam das städtische 
politische Interesse umfassend entgegen. Vermochte die Stadt 
nicht, die Pfahlbürger zu bewaffnen? Und wer bürgte dafür, 
daß die Städte nicht schließlich den Territorialherren mit einem 
Teil ihres eignen Volkes den Krieg machten? 
Die Gefahr war schon im 183. Jahrhundert zu überblicken; 
darum arbeitete die Reichsgesetzgebung schon dieser Zeit unter 
dem Andrängen der Fürsten gegen das Pfahlbürgertum. Gleich— 
wohl wurde die Bewegung keineswegs unterdrückt, in dem 
Kampfe der Fürsten und Städte während der zweiten Hälfte 
des 14. Jahrhunderts und in dessen eigenartigem Ausgang war 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. IV. 14
	        
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