Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

216 Zwölftes Buch · Zweites Kapitel. 
genug, im eigentlichsten Centrum der Stadt, etwa gar um 
Markt und Rathaus herum, auf ein paar durch Holzthore ab⸗ 
gesperrte Straßen mit wenigen Eingängen und geschlossener 
Ansiedlung: das ist das Judenviertel. Hier erhebt sich in— 
mitten der Gemeinde die Judenschule, die Synagoge; ein bis 
zur Mitte des 14. Jahrhunderts oft prächtiger Bau romanischen 
oder frühgotischen, mit eigentümlichen orientalischen Reminis— 
renzen gemischten Stiles; hier gebietet der Judenbischof mit 
seinen Ältesten und verwaährt einen jener Schlüssel, mit welchen 
die Thore des Viertels während der Nacht geschlossen werden, 
um das dem Bürger wirtschaftlich wie national fremde Volk 
vor der Wut des Pöbels zu schützen. 
Es ist kein Zufall, daß auf diese Weise Art und Standort 
der bürgerlichen Thätigkeit in den mittelalterlichen Städten 
verteilt ist: wenn die in besonderem Sinne bürgerliche Be— 
schäftigung in Handel und Gewerbe den mittleren, der land— 
wirtschaftliche Beruf dagegen dem äußeren Kreise des Stadt— 
areals zufällt, so wird man darin leicht den Niederschlag einer 
geschichtlichen Entwicklung erkennen. Bis in das 13. Jahr⸗ 
hundert hinein waren die meisten Städte von kleinerem Um⸗ 
fang gewesen; im Westen vielfach von den Mauern der 
einstigen aus einem Lager erwachsenen Römerstadt umschlossen, 
im Osten auf beschränktem Raume neu begründet waren sie 
kaum mehr als größere Burgen; der neue Stand der Be— 
wohner führt ja eine gerade an diese Verhältnisse anknüpfende 
Bezeichnung. Da war denn dieser eng begrenzte Raum fast 
allein der Schauplatz emsigen industriellen Schaffens und aus— 
gebreiteter Verkehrsthätigkeit gewesen. Aber um dieses Centrum, 
die spätere Altstadt, lagerte sich schon sehr fruh in weitem 
Kreise der Grundbesitz religiöser Genossenschaften; nicht selten 
waren es über ein halbes Dutzend Stifter und Klöster, dazu 
wohl ein Bischofssitz, die mit ihrem Grundeigen das Stadt⸗ 
rentrum umfaßten und teilweise durchsetzten. Als nun der 
Aufschwung städtischen Lebens mit dem 12. und 13. Jahr⸗ 
hundert begann, da wurden die alten Mauern zerstört, überall 
begannen Stadterweiterungen, und meistens erwuchs die neue
	        
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