Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Städtisches Dasein und bürgerliche Gesellschaft. — 228 
durch ihre Neuheit aufzuweisen haben“, so wird man begreifen, 
daß die Stadt des späteren Mittelalters, die Vertreterin einer 
neuen Wirtschaftsform, der die Zukunft gehörte, einen auch 
auf politischem Gebiete weitreichenden Einfluß gleichbedeutend 
mit einem ganzen Territorium auszuüben vermochte. 
III. 
Dieser stolzen Stellung nach außen hin entsprachen, mit 
der Vergangenheit verglichen, die Außerungen des bürgerlichen 
Lebens im Stadtinnern. Namentlich seit dem Ausgang des 
14. Jahrhunderts war das der Fall. Die Zeitgenossen des aus⸗ 
zehenden Mittelalters können sich nicht satt genug sehen an der 
Pracht der Dächer, dem flutenden Leben der Straßen, den ragenden 
Türmen, der Warenfülle in Hafen und Speicher. Kaum eine 
größere Stadt ist ohne ein zierliches Lob meist in Versen geblieben; 
einer der ersten großen Vertreter des Humanismus in Deutsch— 
land, Äneas Sylvius, beginnt den Chorus mit einem feurigen 
Lobe Kölns. Uns Nachgeborenen freilich tritt aus den Quellen 
ein weniger anmutendes Bild mittelalterlichen Stadtlebens ent⸗ 
gegen; vieles will uns, vor allem im 14. Jahrhundert, als 
noch in den ersten Anfängen befindlich erscheinen, und vor allem 
bermissen wir die Spuren eines feineren vergeistigten Daseins. 
Trat man aus den Vorstädten oder aus den an der Stadt— 
mauer gelegenen Außenbezirken in das Centrum der Stadt, so 
fielen zunächst die außerordentlich engen, winkligen und oft ohne 
seden Plan aneinander gereihten Gassen auf. Zwar gab es 
meist einige gerade Hauptstraßen, welche den Zug der alten 
Heerstraßen wiedergaben, die sich innerhalb der Stadt kreuzten; 
aber von diesen abgesehen hatte man die weitere Anlage dem 
Zufall und dem Bedürfnis möglichst dichten Zusammenwohnens 
zum Zwecke leichterer Verteidigung überlassen. Nur für die 
Straßenbreite waren meistens baupolizeiliche Bestimmungen vor— 
handen, die sich durch ihre altertümliche Form und ihr Zurück— 
—EDDDDDD0 
Vgl. zu diesen Gedanken oben S. 124 und 181.
	        
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