Städtisches Dasein und bürgerliche Gesellschaft. 281
brechen; jeder fremde Bettler wurde vor das Thor gesetzt, bis⸗
weilen wohl auch vorher noch ein wenig gestäupt oder gefoltert.
Indes so streng diese Maßregeln waren, so wenig haben
sie das aufwallende Leben der städtischen Bevölkerung des
Mittelalters unterdrückt und teilweis unterdrücken wollen.
Unter dem aristokratischen Regiment des Rates wurden den
jungen Söhnen der ratsfähigen Geschlechter große, bisweilen
übel angebrachte Freiheiten zugestanden — z3. B. durften sie
in einigen Städten eine zudiktierte Haft im Ratskeller statt
im Gefängnis absitzen; — und auch die Zunftbrüder tobten
und lärmten auf ihren Zunftstuben und Gewerkslauben nicht
selten bis tief in die Nacht. Namentlich aber nahm man es
mit der Sittenpolizei leicht. Es war schon ein großer Fort—
schritt, wenn man zu geordneten Frauenhäusern kam, die nicht
selten geradezu als Finanzquelle der Stadt betrachtet und stets
sehr human verwaltet wurden: brannte doch im Ulmer Frauen⸗
münster jeden Sonntag Nacht der Jungfrau Maria zu Ehren
und allen gläubigen Seelen zum Trost eine von den gemeinen
Frauen gestiftete Kerze. Allein vielfach duldete man statt dessen
offen das Unwesen der Kameretten, Ballhäuser und Badestuben.
Auch mit den Spielhöllen pflegte man erst dann aufzuräumen,
wenn einige Gelbschnäbel aus den Geschlechtern zu stark gerupft
worden waren, im übrigen aber konzessionierte man wohl sogar
falsche Spieler gegen gewisse, dem Stadtsäckel zu entrichtende
Abgaben auf Zeit oder Lebensdauer. In diesen und ver—⸗
wandten Maßregeln zeigt sich jenes weitherzige Verfahren, wie
es werdenden Verhältnissen und dem Einfluß einer bedeutenden
Fluktuation der Bevölkerung zu entsprechen pflegt.
In der That ist die Freudigkeit im Schaffen, jener
Optimismus, wie er sich aus der Gewißheit einer großen und
verheißungsvollen Zukunft ergiebt, das bezeichnendste Merkmal
des mittelalterlichen Stadtlebens; und nirgends hat dieser Zug
wohl einen bleibenderen Ausdruck gewonnen als in den großen
Bauten der städtischen Verwaltungen aus dieser Zeit mit ihrem
monumentalen Charakter und ihrer Ausbildung einer neuen
Stilgattung der Gotik für profane, bisher vielfach nicht ge⸗