Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

232 Zwolftes Buch. Zweites Rapitel. 
kannten Bedürfnissen entsprechende Zwecke. Schon der Markt 
einer Stadt machte in dieser Zeit einen großartigen Eindruck. 
Vielfach der einzige größere Platz innerhalb der Altstadt, fast 
stets in deren Mittelpunkt gelegen, erschien er an sich schon als 
die Verkörperung städtischen Betriebs und bürgerlicher Selb— 
ständigkeit. Und nicht selten schmückte ihn noch ein besonderes 
Zeichen der neugewonnenen Freiheit zu eigenem Recht, der 
Roland, ein reckenhafter Landsknecht mit erhobenem Schwerte, 
dem dann wohl auf der anderen Seite des Marktes der öffent— 
liche Pranger, die Katsch oder Käx, mit seinen würdigen In— 
sassen entsprach. Vor allem aber lag am Markte das Bürger— 
oder Rathaus, das in seiner monumentalen Geschichte nicht 
selten schon laut von vergangenen Zeiten, von den geringen 
Anfängen bürgerlicher Freiheit und von Kampf und Leid der 
Ahnen bei ihrer Wahrung erzählte. Meist war es ursprüng⸗ 
lich ein kleines Haus gewesen, in dem man Recht sprach, das 
Stadtsiegel und den Privilegienschrein aufbewahrte; dann waren 
immer weitergreifende Anbauten den wachsenden Bedürfnissen 
der städtischen Verwaltung gerecht geworden, bis schließlich ein 
ganzer Komplex von Gebäulichkeiten vorhanden war, der in 
einigen Gegenden von einem hohen Turm, dem Träger der Ge— 
richts⸗ und Sturmglocke und dem Wahrzeichen städtischer Selb— 
ständigkeit, überragt ward. Jetzt befanden sich im Rathause vor 
allem der Sitzungssaal für den Rat mit den ringsum laufenden 
Bänken und der baldachinüberschatteten Balustrade des Bürger⸗ 
meisters in der Mitte, mit althergebrachten Sinnsprüchen an 
den Wänden, die Maß in Rat und Urteil predigten, und mit 
Gemälden, in denen die besten Meister der allerorts sich 
regenden Malerschulen das jüngste Gericht oder hervorragendc 
Beispiele unparteiischer Rechtspflege darzustellen pflegten: ein 
ernster Raum, der aber nach alter Sitte nicht selten auch dem 
ausgelassensten Humor, gutem Trunk und heitern Festen geweiht 
ward“. Neben dem Sizungssaal lagen wohl einzelne Zimmer 
Auch in der Ausstattung schreckte man gelegentlich nicht vor bur— 
leskem Humor zurück. In Hamburg hatte der Rat im Jahre 1840 im
	        
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