Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

238 Zwolftes Buch. Zweites Kapitel. 
einzunehmen pflegte. Hier lagerte in den ausgedehnten Kellern 
und Speichern das für den eigentlichen Konsum der Stadt be— 
stimmte Kaufmannsgut, wovon Proben in den einzelnen Kauf⸗ 
kammern, feinere Ware, wie meist die des Textilzweigs, im 
oberen Stock, Massenartikel breitesten Konsums wie Heringe im 
unteren Stockwerke ausgelegt wurden. Die Mitte des oberen 
Stockwerkes aber pflegte ein großer Saal einzunehmen, in dem 
die Feste wie die Geschäftsversammlungen der großen Kaufleute 
stattfanden: hier sind der Regel nach die Anfänge des modernen 
Börsenverkehrs zu suchen. 
Pulsierte im Kaufhaus recht eigentlich das innere Ver— 
kehrsleben der Stadt in seiner höchsten Ausgestaltung, so begreift 
es sich, wie gerade auch an das Kaufhaus die weitere Organi— 
sation der Verkehrsinteressen anknüpfte, soweit sie von der 
Stadtverwaltung ausging. Zu ihrem Verständnis bedarf es 
der Erinnerung, wie das Bürgertum des Mittelalters noch 
weit entfernt war von der neueren internationalen Auffassung 
der Verkehrsinteressen. Für eine solche Anschauung war die 
Ausbildung des Handels noch längst nicht reif; noch war die 
Begründung internationaler Beziehungen durch die Gering— 
fügigkeit der Verkehrsmittel, durch die Schwäche des alltäg— 
lichen Konsums bei wenig starker Bevölkerung, durch den Mangel 
eines ausgedehnteren, etwa gar luxuriösen Konsums infolge 
noch unbefriedigender Kapitalbildung, endlich durch die immer 
noch andauernde Beschränktheit des geistigen Horizontes der 
Laienwelt außerordentlich behindert. Der Handel bewegte sich 
noch in engeren Kreisen, die nur von wenigen Warengattungen 
durchbrochen wurden; und darum wurde das Ideal der Ver— 
kehrsleistungen und der Volkswirtschaft überhaupt weniger in 
der Ausdehnung wie in der Güte des Gebotenen gesucht. In—⸗ 
dem man diesen Gesichtspunkt im Gewerbe vertrat, kam man 
zu der bewundernswerten Ausbildung des Kunsthandwerks im 
ausgehenden Mittelalter; indem man ihn für die Verkehrs— 
polizei festhielt, entwickelte man weitgehende Kontrolleinrich— 
tungen für alles Kaufmannsgut nach Güte und Gewicht, rich⸗ 
tigem Maße und mittlerem Preise. Meist knüpften nun diese
	        
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