Staädtisches Dasein und bürgerliche Gesellschaft. 249
höfe in Thorn, Elbing und anderen preußischen Städten zu zählen,
deren ursprüngliche Form gegen Beginn des 14. Jahrhunderts
aus dem handelsbefreundeten England herübergebracht war.
Die Geselligkeit in all diesen Genossenschaften, in denen
fast alles persönliche Leben außerhalb der Familie verlief, war
dein konventionell. Und hatte der konventionelle Gesellschaftston
des Rittertums unter der Teilnahme der Frauen doch immer
noch eine Fülle idealer und somit der persönlichen Durchbildung
fähiger Momente aufgewiesen, war unter seiner Blässe gleich—
wohl noch die Entfesselung der Phantasie, die Individualisierung
des Genusses möglich gewesen, so ging jetzt, in den vornehm⸗
dürgerlichen Kreisen des 14. Jahrhunderts, welche die Frauen
zum Teil wieder aus der Geselligkeit ausstießen, die Konvention
in Pedanterie und die gebundene Sitte in formales Gesetz über.
Noch heute können wir uns von dem geselligen Treiben
dieser Zeit eine Vorstellung machen, wenn wir in Gesellschafts⸗
räume eintreten, die ihren Charakter in guter Erhaltung vergegen—
wärtigen. In dem Hause der Schiffergesellschaft zu Lübeck be—
findet sich ein heller, saalartiger Raum, mit Bildern biblischen
Inhaltes über einer Holztäfelung geschmückt, von der Decke
herabhängend Kronleuchter und Laternen, Schiffsmodelle und
Seltenheiten ferner Seefahrt. In ihm steht im parallelen Ver⸗
lauf nebeneinander eine Reihe von Bänken, die fest am Boden
befestigt sind, und deren Lehnen, nach Art gotischer Kirchen⸗
stühle, hochgezogen, vollkommen trennende Schranken bilden, so
daß die auf einer Bank sitzenden Genossen die der anderen,
enseits der Schranke befindlichen Vank nicht sehen können.
Vor den Bänken stehen rohe Tische. Die ganze Anordnung
weist jedem Genossen einen unverrückbar bestimmten, ihn an
gewisse Personen bindenden Plat an; kein Genosse, wo er auch
sitzt, ist in der Lage, die ganze Gesellschaft zu überblicken; nur
der Vorstand, der den Bänken quervor an besonders erhöhtem
Tische thront, vermag alle zu sehen — und alle zu leiten.
So kam man zusammen, so tafelte man; an solchem Ort
derdiente man sich durch Zahlung eines gemeinsamen Essens
einen höher geachteten Platz als bisher; hier sprach man nach