Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

254 Zwolftes Buch. Drittes Kapitel. 
in den Städten fast überall Lateinschulen, gewöhnlich mit einem 
geistlichen Stifte verbunden; selbst in kleinen Städten hat es 
deren gegeben; in Brüssel betrug ihre Zahl schon im 14. Jahr— 
hundert dreizehn. In diese Schulen sandte auch der mittlere 
Bürgersmann seine Kinder; und somit begannen sich, trotz 
aller klassischen Einwirkungen im früheren Mittelalter, erst jetzt 
große Teile des Volkes den Idealen rein nationaler Bildung 
zu entfremden. 
Wirklich erreicht ward freilich anscheinend nicht viel. Es 
fehlte noch ein besseres Lehrmaterial, es fehlte eine Abstufung 
der Klassen, es fehlte endlich jene Lehrerfahrung, die erst nach 
— 
schaffen vermag. Es waren tastende Anfänge, in denen 
Grammatik nach logischen Systemen, dazu Lesen, Schreiben, 
auch etwas Lateinsprechen betrieben ward; gelesen wurden mit 
den Kindern meist recht unpassende lateinische Stoffe, z. B. die 
Ars amandi des Dovid. 
Über diesem Unterricht aber baute sich seit etwa Mitte 
des 14. Jahrhunderts die höhere Bildung einheimischer Uni— 
versitäten, vornehmlich für den geistlichen, nur ausnahmsweise 
für den bürgerlichen Teil der Nation auf. Auch dieser Unterricht, 
wie überhaupt die Wirkung der Universitäten noch im ganzen 
Verlaufe des 14. Jahrhunderts, drang nicht eben tief. Mit 
der in Frankreich ausgebildeten wissenschaftlichen Methode der 
Scholastik, die alle Disziplinen beherrschte, hat sich unsere Nation 
in weiteren Kreisen erst im 15. Jahrhundert, als der scholastische 
Betrieb eine sehr merkwürdige Wendung genommen hatte, be— 
schäftigt, vorher blieb sie ihr teilweise geradezu abhold!. Es war 
im Sinne vieler, wenn schon vor Begründung der Prager Uni— 
versität, der ersten deutschen Hochschule, sich der Magister Nicolaus 
de Utricuria dahin äußerte: UÜber die anscheinend natürlichen 
Dinge kann man fast gar keine Gewißheit erlangen; in ge— 
wissem Grade könnte man jedoch ziemlich rasch eine solche 
haben, wenn man seinen Verstand mehr auf die Dinge selbst 
— — — 
1Vgl. oben S. 69.
	        
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